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Die letzte Tour

Freitag, 10.7.1998: Lund - Trelleborg, 78.2 km

Das Bad hatte im Gegensatz zu unseren bisherigen Standorten keinen Kiosk. Das Frühstück fiel etwas karg aus, weil ich meine Hoffnungen auf die nächste Kaufhalle gesetzt hatte, doch die öffnete erst um 10.00 Uhr. Ein kleiner Laden konnte uns wenigstens mit Brötchen versorgen, aber statt einer kleinen Packung Milch hatte ich Schlagsahne erwischt. Der Kaffee schmeckte damit ausgezeichnet, nur war die Menge etwas reichlich.

Trelleborg war nur noch wenige Stunden entfernt, so konnten wir uns Zeit für Lund nehmen. Es waren gerade Semesterferien, und für die Studentenstadt bedeutete das eine Art Sommerschlaf. Die Universitätsapotheke hatte geschlossen, Museen und Bibliotheken kürzten ihre Öffnungszeiten rapide. Nur der Dom öffnete wie immer, und wir strömten mit einer Gruppe Touristen in den kühlen Bau. In der Krypta fanden wir Säulen mit sehr unterschiedlichen Ornamenten, einige von Skulpturen umgeben, die sich auf sehr merkwürdige Art am Gestein anklammerten. Die Prospekte konnten darüber nur wenig Auskunft geben. Das beeindruckendste Stück in der Kirche ist sicherlich die Astronomische Uhr, deren riesige Räder den ganzen Seitenflügel beherrschen.

Durch den Park fuhren wir zum Skizzenmuseum. Radfahren in Parks scheint in Lund normal zu sein, auch die Radwegweiser führen auf diesen Weg. Man vertraut auf den gesunden Menschenverstand, und das scheint zu funktionieren, dem friedlichen Miteinander der Menschen nach zu urteilen. Das Skizzenmuseum zeigt Vorarbeiten für Kunstwerke, Modelle, Studien und natürlich Skizzen. Wir entdeckten den Brunnen von Falkenberg in Miniaturausführung, sahen Proben von Henry Moore und anderen weltbekannten Bildhauern, aber auch weniger bekannte Werke afrikanischer oder spanischer Künstler. Der Blick auf den Entstehungsprozess einer Statue macht es leichter, den Gedanken des Schöpfers zu folgen. Ich war begeistert und merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hildegard entdeckte als besonderes Fotomotiv das Fahrrad eines Angestellten, das mit einem kunstvoll verzierten Kettenblech und gehäkeltem Rockschutz tatsächlich musealen Wert hatte, aber nicht zu den Ausstellungsstücken zählte.

An einigen Studentenkneipen, in den die ersten Gäste an ihren alkoholfreien Getränken nippten, zogen wir vorbei zum Markt. Wir wollten noch eine Kleinigkeit essen und fanden in den Markthallen ein ausreichendes Angebot. Dann studierten wir unseren Stadtplan und gelangten schnell auf die gesuchte Straße nach Süden.

Die Gegend war dichter besiedelt, so konnten wir zwischen mehreren Möglichkeiten wählen. Zuverlässig führte uns unsere Karte durch die Dörfer. Recht überrascht waren wir aber, als wir nach ein oder zwei Stunden statt auf eine der gewohnt schmalen Straßen einzubiegen, eine vierspurige Autobahn vorfanden. Abgesehen von der Breite deckte sich ihr Verlauf jedoch perfekt mit der dünnen roten Linie auf unserer Karte. Da hatten wir wohl das Flugplatzsymbol etwas unterschätzt und waren auf eine breite Zubringerschneise geraten. Zum Glück konnten wir nach wenigen Minuten abbiegen. Die vierspurige Trasse führte, von Sackgassenschildern flankiert, nach links. Wir wandten uns nach rechts, querten etwas später die Europastraße und hatten dann wieder unsere Ruhe.

Börringekloster lag am Wegesrand, das einzige noch arbeitende Kloster Schwedens. Wir sahen uns die Gebäude von außen an, entdeckten aber weder Bewohner noch Gäste und fuhren schließlich weiter. Kurz darauf tauchte am Straßenrand ein kleines Hinweisschild zu den ,,Borrevallen`` auf. Wir wußten nicht, was das sein könnte, hatten aber Lust auf eine Pause und bogen ab. Nach einigen Hundert Metern führte ein Fußpfad weiter. Wir ließen unsere Räder stehen. Der Pfad verlor sich in der Spur eines Rasenmähers, des einzigen Zeichens, daß hier schon mal ein Mensch entlanggegangen war. An einem Feldrain entlang folgten wir der Spur, die schließlich auf einen langgestreckten, baumbestandenen Hügel führte. Hügel? Ein Wall war das, und die Borrevallen waren also ein steinzeitlicher Erdwall, der sich über mehrere Hundert Meter hinzog. Mäßig beeindruckt stapften wir wieder zurück und begegneten zu unserem Erstaunen zwei weiteren Fußgängern auf dem Weg zu diesem Kulturdenkmal.

Skåne Ohne weitere Pause ging es nach Trelleborg. Auf den letzten Kilometern der großen Rundreise schien die Sonne noch einmal zwischen gewaltigen Haufenwolken hindurch, und wir fuhren durch ein Farbenmeer von rotem Mohn, blauen Kornblumen, gelbem Raps und grünen Weiden. Vor Trelleborg überraschte uns ein Verbotsschild für Radfahrer, aber wir fanden den Campingplatz an einer Nebenstraße. Hier trafen Neuankömmlinge und Abreisende zusammen, die Rezeption war überfüllt und wir erlebten eine heftige Diskussion über Notwendigkeit und Sinn der schwedischen Campingkarte. Die jungen Frauen ließen routiniert auch gröbere Bemerkungen über sich ergehen und fertigten zügig die Urlauber ab. Wir suchten uns einen ruhigen Platz unter Kiefern und bauten schnell unser Zelt auf. Wie auf fast jedem Campingplatz fanden wir auch hier eine Minigolfanlage, doch vor die Wahl gestellt, Trelleborg anzusehen oder Minigolf zu spielen, wählten wir dann doch Trelleborg. Auf einem Radweg fuhren wir ins Zentrum, fanden auch die Fähranlagen und kauften zunächst einmal ein Ticket. Erfreulicherweise zahlen Radfahrer auf den Schnellfähren dasselbe wie auf den langsamen Schiffen, nur für Autos kostet die Fahrt deutlich mehr. Nachdem wir uns die Plätze auf dem Katamaran gesichert hatten, schlenderten wir durch die Fußgängerzone zur Trelleborg. Diese mitten in der Stadt entdeckte Wikingerburg wurde teilweise wiederaufgebaut und dient nun als Abenteuerspielplatz, Park und Museum zugleich. Wir wählten sie als idealen Platz für unser Abendessen, saßen im Sonnenschein vor den hölzernen Palisaden und sinnierten, welch primitive Verteidigungsanlagen vor 2000 Jahren doch als uneinehmbar galten.

Auf dem Heimweg begegneten wir einer fröhlich johlenden Horde junger Frauen. Sie zogen einen Handwagen mit sich, und darauf befand sich offenbar der Anlaß für dieses Treiben: Ein geschminktes und kostümiertes Mädchen. Die alte Tradition des Brautabends, an dem die Braut noch einmal ledig mit ihren Freundinnen durch die Stadt tobt, lebt also in Schweden noch.



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Ralph Sontag, Hildegard Geisler