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Aufgabensammlung Experimentalphysik

Dr. Herbert Schletter

Elektrostatische Wechelwirkung

Aufgabenstellung

Zum Nachweis der elektrostatischen Wechselwirkung werden zwei Tischtennisbälle (Masse m=2,7 gm=2{,}7~\mathrm g, Durchmesser D=40 mmD=40~\mathrm{mm}) genutzt, die jeweils an einem l=1 ml=1~\mathrm m langen Faden im Abstand d=10 cmd=10~\mathrm{cm} voneinander aufgehängt sind (Abstand gemessen zwischen den Mittelpunkten der Bälle). Beide Bälle werden mit derselben elektrischen Ladung QQ aufgeladen. Dabei werden sie jeweils um eine horizontale Strecke x=4 cmx = 4~\mathrm{cm} aus ihrer Ruhelage ausgelenkt.

  1. Welchen Betrag hat die Ladung QQ auf jedem der Bälle?
  2. Auf welche Spannung (gegenüber Masse) sind die Bälle dabei aufgeladen?

Lösung Teil 1

Die folgende Skizze zeigt den Versuchsaufbau und veranschaulicht die in der Rechnung auftretenden Abmessungen:

Skizze des Vesuchsaufbaus mit den relevanten Abmessungen
Die Bälle werden aus ihrer Ruhelage (gestrichelte Darstellung) um jeweils die Strecke xx ausgelenkt. Daraus resultiert der Auslenkwinkel α\alpha und eine Anhebung um die Höhe hh.

Auf die Bälle wirken jeweils die Coulombkraft FCF_\mathrm C in horizontale Richtung und die Gewichtskraft FGF_\mathrm G in vertikale Richtung. Die Bewegung der Bälle erfolgt auf der durch die Fadenlänge vorgegebenen Kreisbahn. Bezogen auf diese Kreisbahn können beide Kräfte in tangentiale und radiale Komponente zerlegt werden:

Übersicht der auf einen der Bälle wirkenden Kräfte
Der Tischtennisball kann sich auf der durch den Faden vorgegebenen Kreisbahn bewegen (roter Kreisbogen). Die Gleichgewichtslage ist erreicht, wenn die resultierende Tangentialkraft Null ist.

Die Gleichgewichtslage ist erreicht, wenn die resultierende Tangentialkraft verschwindet. Diese Gleichgewichtsbedingung lässt sich auf zwei Herangehensweisen auf das Verhältnis der Kräfte übertragen:

  1. Die Tangentialkomponenten beider Kräfte müssen den gleichen Betrag aufweisen. Die Tangentialkomponente der Gewichtskraft ist FGsinαF_\mathrm G \sin\alpha, die der Coulombkraft lautet FCcosαF_\mathrm C \cos\alpha. Daraus folgt

    FG,tan=FC,tanFGsinα=FCcosα\begin{aligned} |\vec F_\mathrm{G,tan}| & = |\vec F_\mathrm{C,tan}| \\ F_\mathrm G \sin\alpha & = F_\mathrm C \cos\alpha \end{aligned}

    beziehungsweise

    FC=FGtanα.F_\mathrm C = F_\mathrm G \tan\alpha \, .

  2. Die resultierende Kraft weist in radiale Richtung. Dann gilt

    FCFG=tanα\frac{F_\mathrm C}{F_\mathrm G} = \tan\alpha

    beziehungsweise

    FC=FGtanα.F_\mathrm C = F_\mathrm G \tan\alpha \, .

Der Winkel α\alpha gibt die Auslenkung der Kugel aus der Senkrechten an. Für ihn gilt:

sinα=xl\sin\alpha = \frac{x}{l}

sowie

tanα=xlh=xl2x2.\tan\alpha = \frac{x}{l-h} = \frac{x}{\sqrt{l^2-x^2}} \, .

Die Gleichheit lh=l2x2l-h = \sqrt{l^2-x^2} folgt dabei aus dem Satz des Pythagoras.

In die Gleichunng FC=FGtanαF_\mathrm C = F_\mathrm G \tan\alpha werden die Formeln für Coulomb- und Gewichtskraft eingesetzt:

14πε0Q2(d+2x)2=mgxl2x2.\frac{1}{4\pi\varepsilon_0} \frac{Q^2}{(d+2x)^2} = mg\frac{x}{\sqrt{l^2-x^2}} \, .

Anschließend wird nach der gesuchten Ladung aufgelöst:

Q=4πε0mg(d+2x)2xl2x2.Q=\sqrt{4\pi\varepsilon_0 mg\left( d+2x\right)^2\frac{x}{\sqrt{l^2-x^2}}} \, .

Mit den Zahlenwerten aus der Aufgabenstellung ergibt sich

Q=61,8 nC.Q=61{,}8~\mathrm{nC} \, .

Alternativer Lösungsweg anhand der Energie

Alternativ zu den Kräften kann auch die Gesamtenergie (Summe aus Lage- und Coulombenergie) des Systems betrachtet werden:

Eges=ELage+EC=2mgh+Q24πε0(d+2x).\begin{aligned} E_\mathrm{ges} & = E_\mathrm{Lage} + E_\mathrm C\\ & = 2mgh + \frac{Q^2}{4\pi\varepsilon_0 (d+2x)} \, . \\ \end{aligned}

Der Faktor 22 in der Lageenergie brücksichtigt, dass beide Kugeln ausgelenkt werden. Für die Höhe hh folgt aus der Auslenkung xx anhand des Satzes des Pythagoras

h=ll2x2.h=l-\sqrt{l^2-x^2} \, .

Und damit ergibt sich die Gesamtenergie

Eges=2mg(ll2x2)+Q24πε0(d+2x).E_\mathrm{ges} = 2mg(l-\sqrt{l^2-x^2}) + \frac{Q^2}{4\pi\varepsilon_0 (d+2x)} \, .

In der Gleichgewichtslage der Kugeln ist ihre Gesamtenergie minimal:

dEgesdx=2mgxl2x22Q24πε0(d2x)2=0\frac{\mathrm d E_\mathrm{ges}}{\mathrm d x} = \frac{2mgx}{\sqrt{l^2-x^2}} - \frac{2Q^2}{4\pi\varepsilon_0 (d-2x)^2} = 0

Wird dies nach QQ aufgelöst, ergibt sich dieselbe Formel wie im ersten Lösungsweg.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ein Energieansatz der Form ΔELage=ΔEC\Delta E_\mathrm{Lage} = - \Delta E_\mathrm C nicht angewendet werden. Die Auslenkung der Kugeln aus der Senkrechten führt zu einer Verringerung der Gesamtenergie. Die Abnahme der Coulombenergie überwiegt dabei die Zunahme der Lageenergie.

Lösung Teil 2

Der Zusammenhang zwischen Ladung und Spannung ist durch die Kapazität bestimmt:

C=QUbzw.U=QC.C=\frac{Q}{U} \quad \textrm{bzw.} \quad U=\frac{Q}{C} \, .

Der Tischtennisball wird als isolierte Kugelelektrode aufgefasst. Dabei gilt für die Kapazität:

CKugel=4πε0RKugel=2πε0D.C_\mathrm{Kugel} = 4\pi\varepsilon_0 R_\mathrm{Kugel} = 2\pi\varepsilon_0 D \, .

Daraus folgt für die Spannung

U=Q2πε0D=55,5 kV.U = \frac{Q}{2\pi\varepsilon_0 D} = 55{,}5~\mathrm{kV} \, .