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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Paar-Faktor

English Version

Ein Blick auf den derzeitigen Zustand der Gesellschaft zeigt, wie sich die Formen des sozialen Lebens verändert haben. Noch vor hundert Jahren war für die meisten Menschen ihr Lebenslauf durch traditionelle Muster vorprogrammiert. Heute kann im Prinzip jeder sein Leben selbst organisieren, verschiedene Rollen übernehmen, die sich ihm gerade anbieten. Das gilt für den Arbeitsmarkt sowieso, aber auch im privaten Leben ist die Flexibilität fast grenzenlos. Alle Formen intimen Zusammenlebens sind moralisch erlaubt und gesellschaftlich akzeptiert, wie die Einführung der eingetragenen Partnerschaft homosexueller Partner belegt. Darin liegt ohne Zweifel ein enormer Gewinn an individueller Freiheit. Niemand will zurück zu den starren Lebensformen der sogenannten guten alten Zeit, die an ihren Widersprüchen zerbrochen ist.


Aus der Individualisierung ziehen postsäkulare Denker den Schluss, die Zeit des Paares sei für immer vorbei. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Das Paar wird nicht sterben. Der Wegfall gesellschaftlicher Zwänge schafft Raum für die Entfaltung der Natur des Menschen. Der Mensch ist ein exzentrisches, ein paradoxes Geschöpf. Er sucht nach gesellschaftlicher Anerkennung und besteht zugleich auf individueller Selbstbestimmung. Diese widersprüchlichen Neigungen zum Ausgleich zu bringen, hilft nur die Liebe zwischen zwei Menschen, die sich begehren, sich verstehen und aufeinander verlassen können, in guten wie in schlechten Zeiten. Nicht ohne Grund sehnen sich viele nach einer Trennung wieder nach einer neuen Partnerschaft.

Radikale Individualisten denunzieren eine feste Bindung als Hindernis auf dem Weg zur Selbstverwirklichung. Diese sei nur im Wechsel der Partner zu erreichen, in der „Vielheit der Ichs“, an der sich die junge Generation berauscht. Dabei wird übersehen, dass die Liebe von Emotionen gesteuert wird, die sich nicht beliebig ein- und ausschalten lassen. Die Vorstellung, dass eine Frau ein Kind mit einem Mann haben möchte, den sie über alles liebt, oder dass ein Mann mit einer Frau eine gemeinsame Geschichte erleben möchte, ist keine überholte Romantik. Sie ist Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses, die Zufälligkeit der eigenen Existenz zu überwinden. Daher mein Plädoyer für das Paar als anthropologisches Radikal. Das Paar ist und bleibt die Lebensform, in der wir im geliebten Anderen uns selbst finden.