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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Lebensphilosophie als Reflexionswissenschaft

English Version

1. Philosophie, einst die „Mutter der Wissenschaften“, hat diese Stellung mittlerweile verloren. Statt den Wissenschaften voranzugehen, kann sie die Forschung nur noch begleiten. Darin liegt sicherlich ein Prestigeverlust, der das Selbstwertgefühl der Philosophen erschüttert hat. Die Erschütterung kann so weit gehen, dass manche Denker nur noch ihre eigene Überflüssigkeit thematisieren. Das erfolgt zunehmend im populärwissenschaftlichen Stil, so dass die Grenze zwischen Philosophie und Literatur verschwimmt. „Transzendentalbelletrist“ ist die kokette Bezeichnung für den postmodernen Typus des „schwachen Denkens“.


2. Trotz aller Schwierigkeiten behauptet sich die Philosophie an Universitäten. Unter den Wissenschaften nimmt sie freilich eine Sonderstellung ein. Diese zeigt sich an der Art der Fragen, mit der es die Philosophie zu tun hat. „Normale Wissenschaften“, d. h. die Naturwissenschaften, die zur Technisierung der Welt geführt haben, sowie die übrigen empirischen Wissenschaften beschäftigen sich mit Problemen, die, von Grenzfällen abgesehen, prinzipiell lösbar sind.

3. Die Wissenschaften haben spezifische Methoden der Beantwortung ihrer Fragen entwickelt. In den technischen Wissenschaften sind es Experimente, in den Sozialwissenschaften Umfragen usw. Die Logik der empirischen Forschung ist Gegenstand der Wissenschaftstheorie. Allerdings ist unübersehbar, dass die Fachwissenschaften ihre Methodenreflexion, zu der die Klärung der Grundbegriffe gehört, heute weitgehend selbst durchführen. Jedenfalls kann die Philosophie diese Aufgabe nicht mehr wie im 19. Jahrhundert als „Grundwissenschaft“ aus eigener Kompetenz erfüllen.

4. Die Art von Fragen, auf der die Sonderstellung der Philosophie im Kreis der Wissenschaften beruht, lässt sich als Frage nach Ursprung und Ziel des menschlichen Lebens charakterisieren. Es handelt sich um Sinnfragen, die auch „metaphysische Fragen“ genannt werden. Es sind prinzipiell unlösbare Fragen, die dadurch aber nicht verschwinden. Alle Versuche, diese Fragen als sinnlos zu disqualifizieren, verkennen die Natur des Menschen, die auf Sinnfragen angelegt ist. Denn der Mensch ist das Wesen, dessen Sein von seinem Bewusstsein abhängt. Und unser Bewusstsein ruht nicht eher, bis es Antworten auf letzte Fragen gefunden hat.

5. Die Methode, die der Philosophie zur Bearbeitung ihrer Fragen zur Verfügung steht, ist die Reflexion. Anders als den empirischen Wissenschaften steht den Philosophen für ihre Reflexion kein Labor zur Verfügung, sie müssen sich auf ihren eigenen Kopf verlassen. Das schließt natürlich nicht aus, dass die Geschichte der Philosophie unverzichtbar ist.

6. Die Philosophie kann sich nicht auf intuitive Quellen der Erkenntnis berufen, wie sie beispielsweise von Mystikern für sich in Anspruch genommen werden. Der Bezug auf die Ergebnisse und die fachwissenschaftlichen Methoden bleibt unerlässlich. Das hat Konsequenzen für das geistige Profil der Philosophie. Die Metaphysik ging davon aus, dass es einen Bereich des Seins gibt, der durch Konstruktionen von Weltsystemen erschließbar ist. Wenn diese Voraussetzung entfällt, bleibt der Philosophie die Auslegung der Wirklichkeiten, in denen wir leben. Insofern übernimmt die Lebensphilosophie die Stelle der traditionellen Metaphysik.

7. Aus diesem Konzept von Philosophie folgt: Sinngebung ist auch ohne Glauben an einen überirdischen Seins-Grund praktikabel. Selbst ein Atheist, der nicht an einen Schöpfergott glaubt, sowie ein Realist, der sich an das hält, was der Fall ist, kann in der Philosophie als Reflexionswissenschaft Halt für sein Selbstverständnis finden. Menschliches Selbstverständnis und Weltverständnis gehören zusammen. Die Welt ist aber nicht erst dann verstanden und verständlich, wenn sie auf letzte Gründe zurückführbar ist. Es genügt die Aufdeckung der Lebenswirklichkeit, die allerdings wegen ihrer Unmittelbarkeit nur schwer zu erschließen ist. Wo es gelingt, hinter die Kulissen zu schauen, mag der philosophische Geist an Grenzen stoßen, an denen das Reich des Glaubens beginnt, für das Religion und Theologie zuständig sind. Die Lebensphilosophie bewegt sich diesseits dieser Grenzen.