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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Fragen über Fragen

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Immanuel Kants Kanon der philosophischen Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? bewegt sich, wenn auch erkenntnistheoretisch transformiert, im Fahrwasser der klassischen Metaphysik. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der akademische Betrieb sich an diese Fragen hält, als seien sie auf alle Ewigkeit in Stein gemeißelt.


Vom Standpunkt des In-der-Welt-seins kommen einem freilich Zweifel, ob der klassische Kanon noch etwas mit den Lebensfragen zu tun hat, die uns Menschen derzeit umtreiben. Mir scheint es daher an der Zeit, die philosophischen Fragen selbst in Frage zu stellen, um den Anschluss an die veränderte Welt nicht zu verpassen.

So lautet für mich die wichtigste philosophische Frage des 21. Jahrhunderts: Wie müssen die Fragen umformuliert werden, damit die Philosophie auch für die Zukunft brauchbare Antworten liefern kann?

Die Frage der theoretischen Philosophie: Was kann ich wissen? hat mit der Dynamik der modernen Wissenschaften und ihrer technischen Umsetzung an Bedeutung verloren. Die Wissenschaften schreiten auch unabhängig davon voran, ob die Philosophie als „Grundwissenschaft“ ihr den Weg weist oder nicht. Das aber stellt uns vor die neue Frage, die Philosophie und Wissenssoziologie verbindet: Wie sollen wir mit unserem Wissen umgehen?

Kants Frage der praktischen Philosophie: Was soll ich tun? stellt sich in moralischer Absicht kaum jemand. Allenfalls in unübersichtlichen und ausweglos erscheinenden Situationen, in denen wir Beratung brauchen. Dabei geht es meist um Strategien, wie wir vermeiden können, die Dummen zu sein. Sicherlich geht es immer auch um Rücksichtnahme auf die anderen, mit denen wir auskommen müssen. Die ethische Fragestellung verschiebt sich damit in Richtung auf eine Philosophie der Lebenskunst: In was für einer Welt wollen wir leben?

Was darf ich hoffen? richtet sich bei Kant noch auf ein Jenseits, das für die meisten Menschen heute nicht mehr so wichtig ist wie das zukünftige Diesseits. Auch in unserer schönen neuen Welt stirbt die Hoffnung zuletzt, sie richtet sich aber meist auf ganz konkrete Dinge wie die Erfüllung beruflicher oder persönlicher Wünsche. Die angemessene Frage lautet: Wie stehen die Chancen?

Kant selbst hat seine drei Fragen später in einer einzigen zusammengefasst: Was ist der Mensch? Auf diese Frage wird die Philosophie nie eine endgültige Antwort finden. Das ist auch nicht erforderlich, da unser Sein von dem Bild abhängt, das wir uns von uns machen. Daher schlage ich eine bescheidenere Formulierung für die Grundfrage der Philosophie vor: Was können wir aus unserem Leben machen? Antworten gibt die Philosophie des Lebens, die ich als Theorie der Selbsterfahrung auffasse.