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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Schiffbruch ohne Zuschauer

Hans Blumenberg hat den Begriff „Daseinsmetapher“ in den philosophischen Diskurs eingeführt. Das ist ein hilfreiches Instrument bei der Beschreibung des Menschen. Denn unser Lebensgefühl, unser Selbstverständnis, das Martin Heidegger „Dasein“ genannt hat, lässt sich nicht direkt in Worte fassen. In der Artikulation unserer Befindlichkeiten sind wir auf Metaphern angewiesen, die auf einen normativ-wertenden Horizont verweisen.

In seinen Paradigmen zu einer Metaphorologie (1960) hat Blumenberg neben der hermeneutischen Funktion der Metapher keine Strukturanalyse der Metapher vorgelegt. Er knüpft an den Symbolbegriff aus Kants Kritik der Urteilskraft an. Die Metapherntheorien der analytischen Philosophie (Max Black u. a.) finden keine Berücksichtigung. Auch die semantischen Differenzierungen der strukturalen Linguistik bleiben unberücksichtigt. Ihm geht es allein um die Übertragung von Anschauungsbildern eines Gegenstands auf einen anderen. So z. B. bei der Metapher „die Wiese lacht“, wo der Eindruck, den eine Wiese bei Sonnenschein macht, dem Ausdruck eines strahlenden Gesichts entspricht. Blumenberg hat die Metapher unter den Begriff der Unbegrifflichkeit subsummiert, deren Theorie allerdings bei ihm nur ein Ausblick bleibt. Hier wäre das Paradox herauszustellen, dass Schriftsteller, um präzise zu sein, auf Metaphern angewiesen sind. 

Blumenbergs Lieblingsparadigma einer Daseinsmetapher ist der Schiffbruch. Er interpretiert den Schiffbruch im Hinblick auf das plus ultra der theoretischen Neugierde, die oft in Katastrophen endet, was die Menschen allerdings nicht davon abhält, immer wieder Grenzen zu überschreiten. Was sich daraus für die Moral ergibt, nennt Blumenberg „Überlebenskunst“. Dabei spielt der Zuschauer eine Rolle, die nach dem Vorbild von Lukrez zwischen Anteilnahme und Selbsterhaltung schwankt – die typische Einstellung des Schaulustigen (vgl. Christoph Hönig: Die Lebensfahrt auf dem Meer der Welt, Würzburg 2000).

So aufschlussreich der kognitive Zugang auch ist, im allgemeinen Verständnis überwiegt bei der Rede vom Schiffbruch die lebenspraktische Seite. Mit Schiffbruch bezeichnen wir gescheiterte Projekte, die nicht mehr zu reparieren sind. Dabei geht es nicht nur um subjektive Vorstellungen und Wünsche, sondern um den realen Bestand der Dinge, um das Faktische, das nicht zu ändern ist. Dazu heißt es bei Joseph Conrad in Lord Jim, der tragischen Geschichte eines Matrosen, der durch sein Fehlverhalten Schiffbruch erleidet: „…es gibt so viele Schiffbrüche, wie es Menschen gibt“ (Frankfurt a. M. 1986, S. 138). Besonders grausam sind Schiffbrüche, bei denen es keine Zuschauer gibt. Ein solcher wird in Lord Jim mit allen seinen emotionalen Abgründen des Beteiligten geschildert. Die exzentrische Position des Menschen angesichts der Faktizität lässt laut Conrad nur eine Form der Behandlung zu: dem Sein vor dem Tun den Vortritt lassen (S. 238) und dem Traum folgen, usque ad finem (S. 240).

Unter den emotionalen Aspekten des Schiffbruchs als Daseinsmetapher steht die Liebe an erster Stelle. Das tragende Element ist das Meer im Wechsel von Stille und Bewegtheit: Der Liebe und des Meeres Wellen, wie es bei Grillparzer heißt. Das Fließen des Wassers und das Wehen der Winde lassen Werden und Vergehen spüren. Marcel Proust beispielsweise braucht Metaphern aus dem Bereich des Fließens, um das Leblose zu beseelen. Für den Zusammenhang von Sexualität und Liebe in Anspielung auf Boot, Schiff, Wasser und Meer ließen sich aus der Literatur und der bildenden Kunst unzählige Beispiele anführen.

Es ist erstaunlich, wie Blumenberg die erotische Transgression aus der Schiffbruchmetapher ausblendet. Ein frappierendes Beispiel ist „Meeresbeschimpfung“, mit der Die Sorge geht über den Fluß beginnt. In der Fabel des Äsop wird geschildert, wie ein Schiffbrüchiger das Meer beschimpft, weil es durch sein liebliches Aussehen den Menschen anlockt, um ihn dann ins Verderben zu stürzen. In der Antwort schiebt das Meer in Gestalt eines Weibes die Schuld auf die Winde, die über sie herfallen und zu wilden Wogen aufwühlen. Blumenberg nennt die Fabel enttäuschend, weil das Wasser mit der Erde gleichgesetzt wird und die Winde keine „Erderschütterer“ sind. Mit diesem Namen bezieht sich Blumenberg auf Prometheus, der zu den Titanen gehört. Ärgerlich ist für Blumenberg Äsops Moral der Geschichte, die besagt, dass man Täter nicht verantwortlich machen kann, wenn höhere Mächte im Spiel sind. 

Es bedarf keiner großen Phantasie, um  zu erkennen, dass die höhere Macht in der Fabel der Eros ist, der die Frau zur Verführerin macht. Der Wechsel ihres körperlichen Zustandes entspricht dem des Meeres, das der Macht der Winde, sprich: der sexuellen Erregung ausgesetzt ist. Warum Blumenberg in seiner Glosse darauf nicht eingeht, lässt sich auf seine Überzeugung zurückführen, dass im sexuellen Bereich ästhetische Distanz unmöglich sei. So hat er einmal gesagt: „Im sexuellen Bereich weiß man, dass es sich immer nur ‚um dies und nichts anderes‘ handelt. Das Anthropologische ist jederzeit im überreichlichen Maße präsent, darum braucht es nur ‚ausgelöst‘ zu werden“ (Die nicht mehr schönen Künste. Poetik und Hermeneutik III, München 1968, S. 614). Stärker kann man das Anthropologische nicht verkürzen; die Erweiterung der Sexualität zur Erotik kommt noch nicht in den Blick. Die typisch katholische Sexualmoral der Nachkriegszeit, die erst durch die sexuelle Revolution der 1968er aufgelockert wird.

Wie steht es mit der Lebenskunst im Hinblick auf den Schiffbruch? Blumenbergs Überlebenskunst durch Flucht in literarische Selbstdarstellung lässt erkennen, wie sehr auch er vom Eros getrieben ist, ihn aber nicht real ausleben kann oder will. Es bleibt beim „impliziten Eros“, wie ich Blumenbergs geistiges Profil nennen möchte. Darin liegt etwas vom tragischen Lebensgefühl, das in der Adenauer-Ära die Eliten umtrieb. Das hat sich im Zeitalter der anderen Moderne geändert: Der Mensch begegnet den schicksalhaften Lebenserfahrungen, dem Werden und Vergehen mit postfaktischer Gelassenheit. Diese wird seit jeher im Wappen von Paris, der Stadt der Liebe, im Bild eines im Wasser treibenden Bootes sinnfällig: Fluctuat nec mergitur. Das entsprechende Lebensgefühl hat Hölderlin in seinem Gedicht Mnemosyne zum Ausdruck gebracht: „Uns wiegen lassen, wie auf schwankendem Kahne der See…“.