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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Lesbarkeit oder Lebbarkeit?

In seinem Buch Die Lesbarkeit der Welt (1981) vertritt Hans Blumenberg die These, dass die Welt ein semiotischer Raum ist, in dem kein Ereignis und kein Faktum dem Betrachter unverständlich bleiben. Er schließt damit ausdrücklich an den Bonner Philosophen Erich Rothacker an, der den Topos vom Buch der Natur begriffsgeschichtlich verortet hat. Blumenberg ist mit seiner „Theorie der Unbegrifflichkeit“ einen Schritt weiter gegangen und hat „Lesbarkeit“ als Metapher für die Erfahrung der Wirklichkeit eingeführt. Das erinnert an Wilhelm Szilasi, ein Ungar jüdischer Abstammung, der ab 1947 in Freiburg den Lehrstuhl Heideggers vertreten hat. Szilasi hat eine Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls (Tübingen 1959) geschrieben, in der er Husserl gegen Heideggers Fundamentalontologie verteidigt. Und zwar in einer Weise, die der Verhaltensforscher Konrad Lorenz in seiner Naturgeschichte menschlichen Erkennens, Die Rückseite des Spiegels, unübertrefflich geschildert hat: „Wie der Freiburger Philosoph Wilhelm Szilasi in seiner durch geringe Beherrschung der deutschen Sprache zu lapidarer Größe gezwungenen Ausdrucksweise zu sagen pflegte: ‚Gibt es nicht ein Ding an sich, gibt es viele ‚Dinge-ansiche.‘“ In Szilasis Phänomenologie-Einführung findet sich die Formel „Lesbarkeit der Welttexte“ (S. 91), so dass es nahe liegt, hier die Vorlage für Blumenbergs Konzept zu sehen.

Die Frage, warum Blumenberg Szilasi, der seinerzeit in akademischen Kreisen allgemein bekannt war, nicht erwähnt, ist nicht leicht zu beantworten. Es sind zwei Ebenen zu unterscheiden, die wissenschaftliche und die weltanschauliche. Die wissenschaftliche betrifft den phänomenologischen Wirklichkeitsbegriff. Szilasi expliziert in seiner Einführung Wirklichkeit im Sinne der „Erkennbarkeit der Welt“, des Grundprinzips der Marxistischen Philosophie, mit der Szilasi im kommunistischen Ungarn vertraut war. Auf dieser Linie plädiert Szilasi für einen radikalen Empirismus oder Realismus, der das Gegebene adäquat wiedergeben soll. Ganz anders Blumenberg. Sein Wirklichkeitsbegriff des in sich einstimmigen Kontextes von Erfahrungen entspricht dem transzendentalen Idealismus Husserls. Dieser besagt, dass die Verstandesbegriffe die Sinnesempfindungen so anordnen, dass das Bewusstsein immer einen verständlichen Text vor sich hat. Oder in der Sprache von Robert Musil: Es gibt einen „Möglichkeitssinn“, der dem Wirklichkeitssinn vorangeht und die Faktizität, die zunächst sinnlos erscheint, verständlich macht. Man könnte in der heute modischen Terminologie die Position Blumenbergs „präfaktisch“ und die Szilasis „postfaktisch“ nennen.

Auf weltanschaulicher Ebene spielt das persönliche Verhältnis Szilasis zu Heidegger eine zentrale Rolle. Der Sohn Heideggers behauptet, dass sein Vater ein enges freundschaftliches Verhältnis zu dem jüdischen Ehepaar Szilasi hatte. Das belegen Zusammenkünfte in Heideggers Hütte in Todtnauberg. Das darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es zwischen Heidegger und Szilasi Differenzen gab, sowohl weltanschaulich als auch persönlich. In einer neuen Szilasi-Biographie heißt ein Kapitel „Die zerbrochene Gemeinschaft“ (Zoltan Szalai: Im Schatten Heideggers. Einführung zu Leben und Werk von Wilhelm Szilasi, Freiburg 2017). Daraus wird ersichtlich, dass das Verhältnis vielschichtig und kompliziert war, zumal Szilasis Ehefrau Lili zeitweise eine intime Beziehung zu Heidegger hatte. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich in Freiburg ein Kampf zwischen Anhängern von Szilasi und denen von Heidegger, in dem die philosophische Fakultät sich schließlich auf die Seite Heideggers geschlagen hat. Das kommt darin zum Ausdruck, dass in den Freiburger Universitätsblättern Werner Marx, seit 1964 ordentlicher Nachfolger auf dem Lehrstuhl Heideggers, hoch gelobt wird, ohne zu erwähnen, dass Szilasi den Lehrstuhl fünfzehn Jahre lang kommissarisch vertreten hat. Heidegger selbst hat Szilasi sogar verdächtigt, für sein Lehrverbot mitverantwortlich zu sein.

Die Dominanz der Heideggerianer, damals hießen sie „Heideggeristen“, hat dazu geführt, dass Szilasis realistische Weiterentwicklung der Phänomenologie Husserls in Fachkreisen bis heute kaum wahrgenommen wird. Wahrscheinlich galt das auch für Blumenberg, der bekanntlich ein ambivalentes Verhältnis zu Heidegger hatte. Heideggers „Existenzial“ genannte Grundbefindlichkeit des In-der-Welt-Seins, die Sorge, hat Blumenberg entdramatisiert. So kommt er am Ende seiner Essay-Sammlung Die Sorge geht über den Fluß zu dem Schluss, nach Heidegger gebe es keinen Grund mehr zur Sorge. Aber das ist offenkundig nur eine rhetorische Pointe. Denn Selbsterhaltung, die für Blumenberg im Zentrum seines Menschenbildes steht, ist auch bei ihm nicht frei von Sorge. Die Angst vor der Wirkungslosigkeit seiner Ideen hat ihn nach dem Zusammenbruch der Ordinarienuniversität in den 1968er Jahren immer stärker umgetrieben. Diskussionen mit Studierenden oder Kollegen ist er ausgewichen. Schließlich hat er aus der Höhle seines Arbeitszimmers keinen Ausgang mehr gefunden.

In einem Aufsatz „Hans Blumenberg – Die Überlebenskunst eines Mythologen“ habe ich geschildert, wie sein Vortrag die Hörer und Hörerinnen fasziniert hat (G. Gödde/ J. Zirfas (Hg.): Lebenskunst im 20. Jahrhundert, Paderborn 2014, 215-228). So facettenreich die Lesbarkeits-Metapher auch ist, sie bleibt zu theorielastig, um die implizite Erotik, die Blumenbergs geistiges Profil kennzeichnet, sichtbar zu machen. Mit Metaphern verhält es sich wie mit Gleichnissen, deren Botschaft laut Franz Kafka in der trivialen Aussage besteht, „dass das Unfaßbare unfaßbar ist“. Daher sei es falsch, sich gegen Gleichnisse zu wehren; denn wer den Gleichnissen folgt, wird selbst zum Gleichnis, so heißt es in Kafkas Beschreibung eines Kampfes. Vieles deutet darauf hin, dass auch Blumenberg als Metaphorologe selbst zur Metapher oder gar zum Mythos geworden ist, an dem er sein Leben lang gearbeitet hat. So jedenfalls hat er sich selbst und so wird er auch heute noch von seinen Verehrern wahrgenommen.

Ob Blumenberg damit den Kämpfen und Leiden seines eigenen Daseins entkommen ist, bleibe dahingestellt. Es wird überliefert, der Verfechter der Neuzeit und Kämpfer gegen den mittelalterlichen Willkür-Gott habe am Ende seines Lebens im Glauben Trost gefunden. Das mag ein Gerücht sein, das von interessierter Seite verbreitet wird. Sicherlich ist Blumenberg nach dem Krieg zur katholischen Kirche deutlich auf Distanz gegangen, da sie ihm in der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung keinen Schutz gewährt hat. Aber dem religiösen Glauben hat er nie abgeschworen (vgl. Uwe Wolff: „Der Mann, den alle schlagen, diesen schlägst Du nicht“ – Hans Blumenbergs katholische Wurzeln. In: Communio Bd. 43 (2014), H. 3, 182–198). Er konnte es auch nicht, wenn man bedenkt, wie nachhaltig ihn die „Weltverstrickung“ Gottes beschäftigt hat. Blumenberg hatte als Mythologe ein ambivalentes Verhältnis zur Welt. Er fand die Welt schnöde, beklagte oft ihre Gleichgültigkeit ihm gegenüber, hing aber an ihr als dem Medium der Lesbarkeit. Was allerdings von Blumenbergs privater Lebenswelt wirklich lesbar ist, darüber werden sich die Interpreten streiten, solange sie seinen Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach durchforsten.