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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Höhlenausgänge und Höhleneingänge

Blumenbergs Höhlenausgänge (1989) liefern neuzeitliche Umformungen des antiken Höhlengleichnisses, das Platon in seinem Dialog Politeia von Sokrates erzählen lässt. Für Plato versinnbildlicht die Höhle die Welt, die sich den Sinnen darbietet und die wir mit der Realität gleichsetzen. Aber das hält Platon für eine Täuschung. Hinter der Welt der vergänglichen Sinneseindrücke gibt es die intelligible Welt, in der sich die geistig erfassbaren Ideen befinden, die unwandelbaren Ur- und Vorbilder der materiellen Wirklichkeit. Unter ihnen nimmt die Idee des Guten den höchsten Rang ein. Zur Idee des Guten muss man vorgedrungen sein, um im privaten oder öffentlichen Leben vernünftig handeln zu können.

Platons Höhlengleichnis ist lehrreich, aber abstrakt. Es sagt nicht, weshalb und wie die Menschen in die Höhle gekommen sind. Es ist auch psychologisch vormodern, denn es entspricht nicht der heutigen Erforschung unserer Innenwelt der Gefühle. Sehen wir im Blick nach innen nur Schatten, die wir für die alleinige Wirklichkeit unseres Selbst halten? Eine beunruhigende Frage, auf die es vielleicht doch eine Antwort gibt, die Platons strikte Gegenüberstellung von sinnlicher und geistiger Welt überwindet. Schließlich gibt es neben dem Logos noch den Eros, der auch in Platons Dialogen eine bedeutende Rolle spielt. In diesem Licht lässt Platons Höhlengleichnis eine neue Deutung zu. Die Schatten, die wir Menschen sehen, sind die Reflexe unseres körperlichen Selbst, die aber nicht nur Schein sind, sondern Ausdruck des Eros, dessen Feuer die Höhle unserer Intimität erhellt.

Blumenberg, der eine Verschiebung der Metaphysik zur Anthropologie fordert, führt Interpretationen des Höhlenmythos von Francis Bacon über Descartes und Kant bis zu Wittgenstein vor. Am Ende formuliert er seine eigene Position im Anschluss an Arnold Gehlen als Ausdruck der Selbsterhaltung. Dabei bleibt Blumenberg, dessen Auftreten von starker sinnlicher Ausstrahlung geprägt war, im Rahmen der theoretischen Neugierde. Die Perspektive der erotischen Kommunikation wird ausgespart. Darauf habe ich Blumenberg in Gesprächen schon früh aufmerksam gemacht. Im Unterschied zum platonischen Gleichnis, das das Verlassen der Höhle zum argen Weg der Erkenntnis macht, fungiert in Giambattista Vicos Neuer Wissenschaft die Höhle als sinnlichen Bedeutungsraum.  Die Höhle, in die sich die Urmenschen flüchten, um den Unbilden der Außenwelt zu entgehen, ist der Ort, an dem die körperliche Phantasie ihre symbolische Funktion entwickeln kann. In der Finsternis entstehen soziale Mythen, die der theoretischen Erkenntnis an lebenspraktischer Bedeutsamkeit überlegen sind (Fellmann, Das Vico-Axiom, 1976).

In diesem Sinne hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Ethnologe Leo Frobenius in seiner Schrift Paideuma zwischen „Weltweite“ und „Welthöhle“ unterschieden und entsprechend beim Lebensgefühl zwischen „Weitengefühl“ und „Höhlengefühl“. Beide Formen der Welterfahrung sind gleichursprünglich, so dass es keinen Grund gibt, die Höhle zu verlassen. Der Innen und Außen verbindende Weg, die paideia, die Blumenberg am Ende seiner Arbeit am Höhlenmythos aufheben will, wird bei Frobenius vom paideuma im Liebesleben lokalisiert (L. Frobenius, Paideuma. Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre,1921).

Eine extrem sinnliche Lokalisierung erfährt die Höhlenmetapher in Der Bau von Franz Kafka. Die Höhle, so heißt es dort, befinde sich unter der Erde, und ihr Eingang ist mit Moos bedeckt: „…in meinen Träumen schnuppert dort oft eine lüsterne Schnauze unaufhörlich herum. Ich hätte, wird man meinen, dieses Eingangsloch zuschütten können…“ (F. Kafka, Beschreibung eines Kampfes, S.132). Kafka schüttet das Eingangsloch aber nicht zu – wohl aus gutem Grund. Gustave Courbet hat den tieferen Grund in seinem Bild Ursprung der Welt veranschaulicht.

Der bekannte Erforscher literarischer Höhlen, Rüdiger Zill, schreibt über den Regisseur Werner Herzog Die Höhle der vergessenen Träume, wie sehr er von prähistorischen Malereien beeindruckt war. Zill, der auch ein sensibler Metaphorologe ist, zeigt sich erstaunt darüber, dass bei Blumenberg die prähistorischen Höhlen nicht vorkommen. Altamira und Lascaux erscheinen nur in einer Nebenbemerkung, Lascaux wird darüber hinaus falsch datiert und bekommt dadurch eine schiefe Rolle. Das sei umso erstaunlicher, als Felsmalereien eigentlich für Blumenbergs anthropologische Interessen hätten aufschlussreich sein müssen (R. Zill, in: Werner Herzog. An den Grenzen, 2015).

Warum Blumenberg darauf nicht eingeht, ergibt sich daraus, dass seine Höhlenthematik primär erkenntnistheoretisch ausgerichtet ist. Entsprechend bleibt seine Höhle wie bei Plato ein Konstrukt ohne körperliche Lokalisierung. Wo und wie man die Höhle findet, sagt Blumenberg nicht. Anders Werner Herzog, der zeigt, wie der Höhleneingang „erschnüffelt“ werden muss. Herzog behauptet, dass er die Schnüffelszene selbst erfunden habe. Allerdings nicht ganz, denn, wie gesagt, die Schnupperszene findet sich schon bei Kafka. Damit dürfte klar sein, was die Höhle anthropologisch bedeutet. Als Büchse der Pandora enthält sie eine ekstatische Wahrheit, die Männer um den Verstand bringt und danach manchmal auch zur Einsicht. Die Ekstase erfasst alle Sinne, und ihre Wahrheit ist nicht die des Logos, sondern des Eros!

Botho Strauß hat in seinem Buch Oniritti Höhlenbilder verschiedene Aspekte der Höhlenmetapher durchgespielt. So ist die Strauß'sche Höhlenwelt mal Zufluchtsstätte, mal Ort der Unmündigkeit.  Den Aspekt der individuellen Beschränktheit entwickelt Strauß im Anschluss an Francis Bacon, der in seiner Idolen-Lehre Höhlenbilder dem individuellen Menschen zuordnet. Jeder steckt demnach in seiner eigenen Höhle des Nichtwissens, die "das Licht der Natur bricht und verdirbt". Die Höhle  wird in diesem Changieren der Bedeutung zum Gleichnis für das organische Leben überhaupt.

Wie zu erwarten, nimmt in den Höhlenbildern von Strauß die Beziehung zwischen Mann und Frau eine zentrale Stellung ein. Eine Sie und ein Er im Gespräch, oder die wankelmütige Cécile und ein "Ich", das dem Autor ähnelt, unterhalten sich in der Körpersprache. Strauß ist seit jeher ein subtiler Interpret der unergründlichen Liebesdynamik und aller zugehörigen Abgründe. Die Präzision seiner Beobachtung von Paar-Bindungen macht ihn zu einem Psycho-Analytiker. Blumenberg ist auch ein Analytiker, aber in seinen Höhlenausgängen bleibt er beim Trauma der Geburt stehen, das den von Freud beschworenen sexuellen „Wißtrieb“ überdeckt. Übrig bleibt die karge Subjekt-Objekt-Spaltung, die zur Isolierung des erkennenden Subjekts führt. Insofern sind Blumenbergs Höhlenausgänge eine Metapher seines eigenen theoretischen Egoismus. Am Ende seines Schaffens hat sein Eros keinen Ausweg mehr aus der Höhle des Solipsismus gefunden.