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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Eros als Quelle der Legitimität

Die 1966 erschienene Legitimität der Neuzeit ist zweifellos das Buch, mit dem Hans Blumenberg seinen Ruf als führender Philosoph in Deutschland begründet hat. Mit der Verteidigung der Neuzeit als „legitim“ richtet sich Blumenberg gegen Martin Heidegger, Romano Guardini, Karl Löwith u. a. Herausragend ist die Auseinandersetzung mit Carl Schmitt, der in seiner Politischen Theologie (1970) Blumenberg vorwirft, er verkehre den herkömmlichen Gebrauch des Begriffs, der auf Tradition und Herkunft beruhe. Die Rechtfertigung der Neuzeit könne nur als „Legalität“ im Sinne der positiven Rechtssetzung bezeichnet werden.

In seinem Buch Mensch und Moderne bei Hans Blumenberg (2005) hat Felix Heidenreich die Rezeption und Diskussion des Neuzeit-Buches ausführlich dargestellt. Infolge der Vieldeutigkeit des Begriffs „Legitimität“ sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Um hier klarer zu sehen, halte ich einen Blick auf Goethes Drama Die natürliche Tochter  für hilfreich. Im Drama sind die Widerstände gegen die geplante Legitimation gewaltig, zumal die Tochter infolge ihrer Illegitimität ihre  Vorzüge nicht zur Geltung bringen kann. Das trifft auch auf die Neuzeit zu. Hervorgegangen aus der Säkularisierung werden ihre Stärken nur unter Vorbehalten anerkannt, und durch die nationalsozialistische Schreckensherrschaft wurde sie so gründlich kompromittiert, dass Guardini 1954 ihr Ende verkündet hat. Wie Blumenberg die neuzeitliche Rationalität dann doch zu legitimieren versucht, ist ein Konstrukt voller historischer Umwege, die auf seine Aspekte der Epochenschwelle (1976) verweisen. Denn anders als die Legitimation nichtehelicher Kinder durch spätere Eheschließung von Vater und Mutter lässt sich die Geschichte nicht rückgängig machen.

Dolf Sternberger hat schon 1962 in Grund und Abgrund der Macht anhand des Ost-West-Konflikts dargelegt, dass Legitimität ein universal gültiger Begriff ist und dass es verschiedene Arten von Legitimität gibt. Offenkundig führt Blumenberg ein neues Verständnis von Legitimität ein, demzufolge die Neuzeit sich selbst legitimiert. Das entspricht Edmund Husserls Begriff der „Selbstgegebenheit“, den Blumenberg anthropologisch zum Prinzip der Selbstbehauptung erweitert hat. Doch Blumenbergs gleichzeitige Betonung der Bedeutungsfülle der Welt verweist auf eine andere Quelle, nämlich auf Georg Simmels Philosophie des Geldes, eines der Lieblingsbücher Blumenbergs, das er als „Jahrhundertbuch“ in eine Reihe mit Freuds Traumdeutung und Husserls Logischen Untersuchungen gestellt hat.

Im ersten Kapitel der Philosophie des Geldes, in dem die Auflösung der Substanz in Relationen dargestellt wird, heißt es in Bezug auf die zeitliche Gültigkeit eines Gesetzesinhaltes: „Und diese Gültigkeit bezieht er, falls seine Setzung selbst schon eine legitime und keine willkürliche ist, aus einer schon vorher bestehenden Rechtsnorm, aus der die Beseitigung des alten Rechtsinhaltes mit derselben Legalität fließt, wie sein bisheriges Bestehen“ (66). Diesen verklausulierten Satz, der Blumenberg lange beschäftigt hat, haben wir im Oberseminar über Simmel so interpretiert: Im Hintergrund jeder Legalität wirkt immer schon eine Legitimität, die durch den Rechtspositivismus nie ganz ausgelöscht wird. Die Frage, worin die Legitimität der Neuzeit besteht, blieb allerdings offen. Das rechnende Wesen der Neuzeit, das Simmel herausstellt, ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite wird im Kapitel „Über das Geldäquivalent personaler Werte“, in dem es um Sexualität und Ehe geht, angedeutet. Es ist das Verlangen nach unmittelbarem Erleben und echten Leben, das den auf Funktionalismus programmierten neuzeitlichen Menschen umtreibt. Ich habe Blumenberg im Rahmen der gemeinsamen Arbeit an Giordano Bruno schon früh darauf aufmerksam gemacht, dass der funktionale Aspekt für die spezifisch neuzeitliche Selbstdarstellung nicht ausreicht. Dass die Neuzeit ihre Legitimation in sich selbst trägt, verdankt sie einer tief verborgenen Kraft. Diese äußert sich in der Intensität des Willens zum Leben, der das Komplement des Willkürgotts bildet, den Blumenberg so hartnäckig bekämpft hat.

Die Kraft, aus der die Neuzeit ihre Legitimität bezieht, ist die Liebe, die neben dem Hunger die Welt zusammenhält. Die spontane Liebe, die lange Zeit durch gesellschaftliche Zwänge unterdrückt wurde, wie an Romeo und Julia ersichtlich, hat erst im Laufe der Aufklärung Spielraum für soziale Entfaltung bekommen. Georg Simmel hat diese Entwicklung an der Geschichte der Ehe verdeutlicht. Allen Formen der Ehe sei zwar der generelle „Fundamentalvorgang der physiologischen Paarung“ gemeinsam, aber er werde zugleich „als das Intim-Persönlichste empfunden“, heißt es in der Soziologie. Die Dialektik des Lebens resultiere aus der Polarität der Geschlechter, in der Nähe und Distanz sich gegenseitig verstärken.

„Das Leben“, so kann man in Die geistige Gestalt Georg Simmels (1959) von Margarete Susman lesen, „ist für Simmel schon lange bevor er sich zu ihm bekannte, immer das Erste gewesen“. Das Ineinander von Leben und Form, das Simmels Bild vom Menschen als unauflösliche Lebenseinheit zunehmend geprägt hat, lässt sich durch keine rationale Lebensform vollständig auflösen. So verhält es sich nach meiner Überzeugung auch mit Blumenbergs Beschreibung des Menschen. Wie Simmel vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens zurückfindet, wirkt auch bei Blumenberg der Eros im Hintergrund stärker als der Logos; die sinnliche Metaphorik gibt seiner Reflexionsprosa ihr besonderes Flair. Die Kraft des Eros als Legitimitätsquelle der Neuzeit ist in allen späteren Schriften Blumenbergs, so verschieden ihre Themen auch sein mögen, immer deutlich zu spüren.