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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Das Bildnis des Hans Blumenberg

„Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers“, wie Wilhelm Genazino in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahre 1994 am Beispiel mehrerer Schriftsteller treffend dargelegt hat. Das bestätigt den Primat der Rezeptionsästhetik von Hans Robert Jauß, der für die literarische Hermeneutik stets den Satz von Valéry zitiert hat: „Mes vers ont le sens qu’on leur prète“. Es gibt allerdings Bilder eines Autors, die als second art die Freiheit der Interpretation einengen. Genau das trifft auf Hans Blumenberg zu. Sein Selbstbild entspricht Ernst Jüngers Vorstellung von Autor und Autorschaft. Jüngers Ausspruch, der Autor müsse sich selbst objektivieren und zum Fetisch machen, hat Blumenberg wie kein anderer seiner Zeit verinnerlicht.

Das einzige zu Blumenbergs Lebzeiten veröffentlichte Foto hat sich in den Köpfen seiner Leser eingebrannt. Anders als Andy Warhol, der für seine Bildvariationen das Prinzip der Serie angewandt hat, verfolgte Blumenberg die Strategie der Vereinzelung, die seinem ausgeprägten Individualismus entsprach. Er sah im Bildnis die höchste Form des Wahrzeichens und bereitete damit die Wende der philosophischen Hermeneutik vor, die ich 1991 „imagic turn“ genannt habe. Allerdings bleibt die Aura bei Blumenbergs Bild auf der Strecke, da es sich um ein technisch reproduziertes Gebilde handelt, so dass man geradezu von Erstarrung zum Bild sprechen kann.

Das Foto zeigt die Entstehung des Mythos Blumenberg, zumindest den Versuch dazu. Der primäre Sinn der Portraitphotographie, nämlich das Abbild eines realen Menschen, wird überlagert durch einen sekundären Sinn, der diesen Menschen in etwas anderes verwandelt - in einen Autor, der unsterblich sein will. Blumenbergs Portrait ist hoch stilisiert und zeigt die typische Pose des Intellektuellen der Vorkriegszeit, wobei Max Scheler als Vorbild gedient hat. Schelers Zigarette in der Hand hat sich Blumenberg beim Fototermin verkniffen, da er als passionierter Zigarrenraucher nach eigenen Aussagen den mit der Zigarette verbundenen Eindruck der Nervosität und Getriebenheit vermeiden wollte.

Die Frage drängt sich auf, ob Blumenberg damit das Ziel seiner Arbeit am eignen Mythos erreicht hat. Statt zum Mythos hat er sich eher zum Idol seiner Anbeterinnen gemacht, von denen Sibylle Lewitscharow in ihrem Roman Blumenberg aus Liebeskummer eine hat sterben lassen. Aber vielleicht zeigt das Foto, dass der Autor sich selbst zu Lebzeiten als Star schon überlebt hatte. Daran ändert auch nichts der verzweifelte Versuch seiner Nachkommen, durch Fotos aus den jungen Jahren den realen Blumenberg wieder zum Leben zu erwecken. Die neuen Fotos bleiben angesichts der Ikone des Übervaters unbedeutend, sie setzen den Lesern keine andere Brille auf.