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Ferdinand Fellmann

Professor für Philosophie

Ethik im Gespräch (31.05.2014)

Am Mittwoch den 28. Mai ist in ORF/BR Alpha in der von Peter Kampits geleiteten Reihe "Ethik im Gespräch" eine Diskussion zum Thema Homosexualität ausgestrahlt worden, in der ich von Mitdiskutanten in die Ecke des Rassismus gestellt worden bin. Ich hoffe, dass es eine weniger polemische Fortsetzung der Debatte geben wird. Zur Vorbereitung habe ich meine Position schriftlich präzisiert.

Ferdinand Fellmann: Homosexualität aus philosophischer Sicht

Die Diskussion um die Bewertung der Homosexualität bedarf dringend der Versachlichung, um nicht zu einem sinnlosen Weltanschauungskampf zu verkommen. Erforderlich ist die Unterscheidung der begrifflichen Ebenen, auf denen sich die Diskutanten bewegen. Befürworter der sexuellen Vielfalt berufen sich derzeit verstärkt auf die Biologie. Sie lehrt, dass Homosexualität zum Verhaltensrepertoire zahlreicher Tierarten gehört und insofern nicht „widernatürlich“ genannt werden darf. Aber das heißt noch nicht, dass Homosexualität biologisch gleichwertig neben der Heterosexualität fungiert. Da es in der Evolution um die Weitergabe der Gene geht, kann Homosexualität nur ein verschwindend kleiner Teil des Verhaltensrepertoires sein. Ursache sind besondere Situationen, etwa wenn für die Fortpflanzung aller Individuen in der Umwelt nicht genügend Ressourcen vorhanden sind. Homosexualität ist im Tierreich also nicht Normalität und kann daher auch nicht zur Bewertung der menschlichen Homosexualität herhalten.

Der Mensch als Kulturwesen hat sich in seinen Lebensformen weitgehend von Biologie gelöst. Die anthropologische Differenz macht sich besonders in der Sexualität bemerkbar. Hier haben wir die sexuelle Lust, die Tiere zur Fortpflanzung treibt, umfunktioniert und zum Selbstzweck gemacht. Darin besteht unsere individuelle Freiheit, deren kreative Entfaltung unsere liberalen Gesellschaften auszeichnet. Auch Menschen mit homosexueller Neigung, sei sie nun angeboren oder erworben, tragen erheblich zur Liberalisierung bei, und es gibt gute Gründe, sich gegen Diskriminierung von Schwulen und Lesben zu wehren. Zumal Homosexualität vor wenigen Jahrzehnten noch als Krankheit eingestuft wurde oder, was noch schlimmer war, unter Strafe gestellt wurde. Von daher ist auch das Bemühen homosexueller Gruppen, sich zu formieren und medial zu präsentieren, verständlich.

Ob man Homosexualität als Eigenschaft oder als Verhalten einstuft, eins ist klar: Man kann daraus nicht auf die moralische Qualität der Person schließen. Homosexuelle sind keine schlechteren Menschen als Heterosexuelle und umgekehrt. Aber sozial gibt es doch einen Unterschied zur Zweigeschlechtlichkeit, die für Nachkommen sorgt. Alle Menschen, auch Homosexuelle, sind nämlich von einem Vater gezeugt und von einer Mutter geboren. Dieser elementare biologische Tatbestand wird von denjenigen übersehen oder ausgeblendet, die keinen Unterschied zwischen Hetero- und Homosexualität machen. Hier greift das Prinzip der Verallgemeinerung. Eine Gesellschaft aus lauter Homosexuellen wäre eine solche von lauter letzten Menschen ohne Nachkommen, die keine Zukunft bietet. Der hedonistische Individualismus unserer Zeit verkennt, dass in jeder Gesellschaft soziale Differenzierung unumgänglich ist, um nicht in Elementarteilchen zu zerfallen. Nur diese soziale Komponente ist gemeint, wenn renommierte Politiker wie Norbert Blüm und Wolfgang Thierse die Beziehung zwischen Mann und Frau als „erstrebenswertes Ideal“ bezeichnen.

Natürlich hat die Politik sich nicht in Privatangelegenheiten der Bürger einzumischen. Jeder mag im Privaten seine Sexualität ausleben, wie er will. Aber homosexuelle Paare sind nicht mehr privat, sondern in ihrem Auftreten öffentlich und damit politisch. Es ist daher eine legitime Aufgabe des Staates, sozialverträgliche Regeln aufzustellen. Die Gleichstellung mit der Ehe verkennt das evolutionäre Erbe der Zweigeschlechtlichkeit, die dafür sorgt, dass Menschen über die Lebenszeit hinaus verbunden bleiben. Eine Gesellschaft, die die Fortpflanzung Zuwanderern überlässt und Adoptivkinder zur Regel macht, setzt sich über das Recht der Kinder auf Vater und Mutter hinweg. Wissen zu wollen, wer die Eltern sind, ist keine Marotte, sondern ein tiefes emotionales Bedürfnis des Menschen. Die biologische Abstammung gibt dem Individuum die Gewissheit, nicht grundlos in die Welt geworfen zu sein. Eine humane Wertethik hat bei allem Verständnis für Gleichberechtigung diesen anthropologischen Sachverhalt zu berücksichtigen, um die menschliche Existenz nicht dem Chaos der Beliebigkeit auszuliefern.

Schließlich bleibt noch ein in der gegenwärtigen Debatte kaum berührter Aspekt der Homosexualität, den man als meta-ethisch bezeichnen kann. Er betrifft das Selbstverständnis der Homosexuellen, das in allen Kulturen durch eine gewisse Gefühlsambivalenz geprägt ist. Gerade ihre Exzentrizität hat der Homosexualität eine subversive geistige Dimension verliehen. Das gilt für die Homosexualität der griechischen Antike ebenso wie für die europäische Moderne. Man denke nur an Oskar Wilde oder André Gide. Der Immoralismus ihrer Geschichten, die das Bildungsbürgertum aus dem Schlummer der christlichen Sexualmoral gerissen haben, wäre undenkbar, wenn die Autoren, wie heute üblich, als normale Paare zusammengelebt hätten. Durch die Gleichstellung verliert Homosexualität viel von ihrer Kreativität. Sie erzeugt keine Provokationen mehr, sondern eher kleinbürgerliche Nachahmungen und Anpassungen, der weibliche Partner mit Küchenschürze, der männliche fährt das Cabrio.

Ist unter diesen Umständen Homosexualität noch als besonderer Wert zu retten? Im Tod von Venedig endet die Homosexualtät noch tragisch. Für Tragik ist in einer liberalen Gesellschaft, Gott sei Dank, kein Platz mehr. Aber Psychiater berichten auch heute noch von inneren Kämpfen der Betroffenen, die ihre Sexualität an sich selbst als etwas Fremdes empfinden, und dass homosexuelle Paare nicht so harmonisch zusammenleben, wie sie derzeit gern dargestellt werden. Was die philosophische Lebenskunst hier anbieten kann, ist die Selbstreflexion, die Ironie als Mittel der Bewältigung einsetzt. Ironie als Reflexion der eigenen erotischen Konflikte, wie sie schon Sokrates praktiziert hat, verschafft dem Individuum die Freiheit, sich souverän zwischen körperlichen und geistigen Bedürfnissen zu bewegen. Das macht Homosexualität zu einem komplexen Phänomen, das aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden muss. Die Ethik ist aufgefordert, die Komplementarität der Perspektiven zu berücksichtigen und die Diskussion aus dem Empörungsdiskurs und dem Schwingen moralischer Keulen herauszuführen. Nur eine lebensphilosophische Wertethik, die Natur und Kultur, Individuum und Gesellschaft in ihrem Spannungsfeld betrachtet, kann Homosexualität vor Biologismus und Moralismus bewahren.