Samstag, 20.05.06

Ein paar Tage vor Abreise haben wir uns die beiden gekauften Michelinkarten sowie die Bikeline-Karte der Provence zur Hand genommen, informatikerlike via Backtracking einen Weg vom Mittelmeer nach Breisach gesucht und größere Städte eingekreist, die man eventuell anpeilen könnte. Noch bis spät in die Nacht haben wir am Abend vor der Abreise Sachen gepackt, Schnitten geschmiert und uns vergewissert, dass wir nichts vergessen werden.

Nach vielleicht zwei bis drei Stunden Schlaf heißt es Aufstehen, denn wir möchten den zeitigsten Zug erreichen, das Wochenendticket beschert uns eine lange Fahrt. Wir gelangen rechtzeitig zum Südbahnhof und können schonmal üben, die Fahrräder mit Gepäck die Treppen hinaufzutragen. Erster Umsteigepunkt ist Zwickau. Es steigt dort eine Truppe fröhlich gröhlender nicht mehr ganz taufrischer Jugendlicher zu, ein Bierfass mitschleppend, das offen ist. Der Inhalt verlässt zischend das Fass, um sich im Waggon und auf Daniels Hose zu verteilen, der nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann. Da wir ja auch was vom Bier abbekommen haben, werden wir gefragt, ob wir ein Wochenendticket haben und einen der Meute auf unser Ticket mitfahren lassen würden. Daniel nickt, wir wollen einfach nur unsere Ruhe haben.

Weiter geht es nach Hof, Würzburg, Bietigheim-Bissingen, Karlsruhe, Offenburg, Freiburg, bis wir irgendwann in Breisach ankommen werden. Zwischenzeitlich gerät unsere Urlaubsplanung in Gefahr. Im Zug von Würzburg nach Bietigheim-Bissingen gibt es ein Fahrradabteil, in dem die Räder eingehängt (nicht wie sonst nur angeschnallt) werden müssen. Wir begehen den Fehler, das Gepäck auf den Rädern zu lassen. Irgendwann gibt es einen ordentlichen Ruck, die Fahrräder fallen um, das eine auf das andere. Dabei reißt an meinem Fahrrad eine Speiche und erst später merke ich, dass vorn und hinten eine ordentliche Acht dafür sorgt, dass das Rad vorerst nicht urlaubstauglich ist. Breisach von oben Wir entschließen uns, in Karlsruhe einen Zwischenstop einzulegen, in der Hoffnung, eine Werkstatt zu finden, die noch geöffnet hat. In der Information in Bahnhofsnähe drückt man mir eine Visitenkarte in die Hand und wir radeln zu Mikes Bike Guide ein paar Straßen weiter. Es ist ca. um 1 als wir da ankommen, um 2 möchte der Besitzer schließen und seinen wohlverdienten Urlaub beginnen. Als er uns sieht, meint er jedoch, er würde uns helfen müssen.

Er nimmt mein Fahrrad mit nach oben in die Werkstatt, ersetzt die gerissene Speiche und spannt die restlichen an beiden Rädern derart straff, dass er für nichts mehr garantiert. Eine vorgeschlagene Probefahrt ohne Gepäck übersteht mein Rad und wir treten unseren Weg zurück zum Bahnhof an, dürfen uns, wenn bis dahin noch was schief geht, aber im Fahrradladen melden, um dann nach einer anderen Lösung zu suchen. Es geht gut.

In Breisach angekommen, beehren wir den örtlichen Edeka mit dem Kauf von Käse, Brot und Wurst und fahren schließlich zum einzigen Zeltplatz, den wir vorher im Netz gesucht haben. Die anderen werden sich schon finden, wenn wir unterwegs sind. Vor dem Abendbrot erkunden wir noch einen Teil Breisachs, fahren zum Münster und besehen uns die Stadt von oben. Im Edeka wird der Proviant noch um Möhren und Wein aufgestockt und dann begießen wir unsere Vorfreude auf Frankreich.


Sonntag, 21.05.06

mit dem Rad in Mulhouse Der Wecker ist auf um 8 gestellt. Um 10 schaffen wir es schließlich aufzustehen. Nach dem Frühstück muss noch alles zusammengepackt werden und so brechen wir erst gegen dreiviertel 1 auf. Wir versprechen uns, dass das in Zukunft zeitiger geschehen wird. Es regnet nicht, ist aber ein wenig bewölkt, und wir verzichten fürs erste auf Sonnencreme. Nachdem wir über die Brücke nach Frankreich gefahren sind, fallen uns auf den Feldern erstmal riesige Maisgitter auf, an denen sich die Krähen ihre Mägen vollstopfen.
Ortseingang Algolsheim Unser erster durchfahrener Ort ist Algolsheim - für die Informatiker zuhause muss das natürlich festgehalten werden. Ein Großteil des folgenden Weges führt uns durch Wald und ist ausgesprochen angenehm zu fahren. Die Vögel zwitschern, es wachsen wilde Akelei und Hornklee an den Wegrändern und auf der Fahrspur sehe ich hier und da einen riesigen Hirschkäfer liegen, leider krabbelt davon keiner mehr.

An einer Gabelung, an der wir uns eine Wanderkarte besehen, um sicherzugehen, dass wir die richtige Richtung wählen, werden wir von unserem ersten Franzosen angesprochen – ein Errol-Flynn-Verschnitt mit Hut und einer hübschen Frau an der Hand, die sich Maiglöckchen und Butterblumen ins Haar gesteckt hat. Nachdem er feststellt, dass unser Französisch nicht ganz so flüssig ist, schwenkt er ohne Umschweife ins Deutsche und erklärt uns, welchen Weg wir nehmen müssen. Beide sind irritiert, dass wir ans Mittelmeer fahren wollen, schauen uns ein wenig an, als wären wir verrückt und glauben uns wahrscheinlich auch nicht wirklich.

das Rathaus von Mulhouse Gegen um 7 kommen wir in Mulhouse an, schauen uns erstmal in der Stadt um und machen am Marktplatz Halt. Wir gehen einzeln in die Kirche, in der gerade ein Konzert deutscher und französischer Chöre stattfindet. Ich höre mir zwei Lieder an. Das Rathaus ist rosafarben und beherbergt ein Informationszentrum. Meinen Französischwortschatz sammelnd frage ich nach einem "place pour la tente". Wir werden fündig und können auf unserem ersten Zeltplatz in Frankreich übernachten, auf dem die Dame am Empfang gerade Deutsch lernt, mein Französisch verbessert und mir anbietet, Croissants zum Frühstück zu bestellen. Wir genehmigen uns den kleinen Luxus. Die Sonnencreme am Morgen wegzulassen hat besonders auf Daniels Haut Spuren hinterlassen.


(Abendbrot: Reis und Tomatensoße italienischer Art)

Montag, 22.05.06

Der Wecker klingelt etwas zeitiger, trotzdem haben wir es erst gegen 11 geschafft, den Zeltplatz zu verlassen – wir werden ja noch weitere Chancen haben, zeitig aufzustehen. Im Ort holt sich Daniel einen neuen Mantel für sein Hinterrad und tauscht ihn vor dem Geschäft aus. Ein freundlicher Franzose fragt uns, ob wir Hilfe brauchen und erklärt uns, weil er merkt, dass wir stockend antworten, auf Deutsch, wo der nächste richtige Fahrradladen ist. Wir planen, Richtung Altkirch zu fahren und versorgen uns im nächsten SuperU noch mit kühlender Lotion für den Sonnenbrand, Müsli, sündhaft teurem Räucherfisch, Schokolade und Milch. Am Supermarkt weist uns ein Einheimischer – diesmal auf Englisch – darauf hin, dass wir statt auf der Straße zu fahren auch den Radweg am Kanal nutzen könnten. Wir folgen dem Ratschlag, und tatsächlich ist es gemütlicher, auf dem geraden Weg am Wasser zu fahren und nur ab und zu einem anderen Radfahrer oder einem Rollerblader zu begegnen. Am Uferrand schrecken wir einen Reiher auf, der sich in die Lüfte schwingt und vor uns flieht, um sich ein paar Meter weiter wieder zwischen den Blättern der gelben Irispflanzen niederzulassen. Wir wiederholen das Spiel und versuchen, den Vogel im Bild festzuhalten, was nicht wirklich gelingt.

Irgendwann entschließen wir uns zu einer Pause, um den gekauften Räucherfisch zu verzehren, solange er noch frisch ist. Wir lehnen unsere Räder an eine Weide und setzen uns ins Gras. Von der Weide tropft es und wir befürchten nahenden Regen, aber neben dem Baum ist alles trocken. Wir genießen unseren Fisch und grüßen die vorbeikommenden Radler, die uns ein "Bon Appetit" zurufen. Daniel kostet einen der auf seine Hand gefallenen Tropfen und meint, es schmecke süß. Erst auf einer späteren Station unseres Urlaubs finde ich heraus, was da von den Bäumen fällt.

Reiher am Kanal Wir kommen gut voran, aber nach der nächsten längeren Pause verzieht sich die Sonne, es wird frisch und Wind kommt auf, gegen den es anzufahren gilt. Der Kanal verläuft bis Dannemarie, dann müssen wir wieder auf die Straße und fahren weiter nach Delle. Das Wetter wird zusehends schlechter, es beginnt zu regnen und wir holen die wasserfeste Kleidung hervor. Es hat sich als gute Idee erwiesen, Zelt und Schlafsäcke in eigens dafür gekauften Mülltüten zu verstauen – so bleiben die Sachen trocken. Da es schon spät ist, frage ich in einer Apotheke in Beaucourt nach einem Zeltplatz. Die halbe Apotheke – Kunden und Angestellte – beteiligt sich an der Diskussion. Dem Angesprochenen fällt nur ein Campingplatz in Delle ein, alles andere ist zu weit weg. Ich versuche, anhand der Karte zu erklären, dass wir von da kommen und nicht zurückfahren wollen, aber die nächsten Möglichkeiten auf unserer Strecke sind laut seiner Aussage an diesem Abend nicht mehr mit dem Rad erreichbar.

Ich verlasse die Apotheke und berichte Daniel von meinem Misserfolg. Wir sind uns einig, die Strecke einfach weiterzufahren. Ein paar Minuten später sehen wir eine Tankstelle und versuchen unser Glück erneut. Der Tankwart schaut ins Branchenbuch – keine schlechte Idee – und findet einen Campingplatz bei Mandeure, 30 km weiter. Egal, mit der Telefonnummer in der Tasche fahren wir los. In Montbeliard finden wir zunächst die richtige Straße nicht und müssen, nachem wir es bemerken, ein paar Kilometer zurück. Gegen 9 kommen wir doch, reichlich erschöpft und nass, am Zeltplatz an. Der hat zu und wir überlegen kurz, was wir tun, stellen schließlich unser Zelt einfach auf und hoffen, dass man uns morgen anstandslos bezahlen lässt. Ohne Abendbrot fallen wir todmüde ins Bett.

Dienstag, 23.05.06

ein beschauliches Dorf direkt am Fluss Doubs Wieder schaffen wir es, das Weckerklingeln erfolgreich zu ignorieren und sind erst gegen halb 12 soweit, den Zeltplatz zu verlassen. Die Frau an der Rezeption ist sehr nett und hilft mir sogar bei der Suche nach einem Campingplatz in der Nähe unseres nächsten Zieles, nicht ohne uns zu belächeln und mit der Dame vom anderen Platz am Telefon über die verrückten Radfahrer zu scherzen. Der Regen hat aufgehört und unser Zelt konnte trocken verpackt werden. Es ist bewölkt, aber wir bleiben vom Regen verschont. Ein bißchen werden wir vom Straßenverlauf dann schon geschockt. Auf dem Weg nach Besançon verpassen wir eine Abfahrt und landen an einem Kreisverkehr, in dem wir nur die Wahl zwischen Autobahnen oder dem Örtchen Écot haben. Weil wir eben eine lange Strecke bergab gerauscht sind und nicht zurückfahren möchten, entscheiden wir uns für den Umweg über Écot. Die Straße ist enger und wenig befahren. Ich bemerke, dass mein Vorderrad keine Luft mehr hat und halte kurz an, um aufzupumpen. Ein paar Meter weiter muss ich schon wieder absteigen. Die Steigung zu fahren, ist mit dem Gepäck unmöglich. Die ansteigende Strecke ist lang und schlaucht. Dem Berg nach Écot folgen weitere und wir kommen langsamer voran als geplant. Da mein Reifen zwischenzeitlich schon wieder Luft verloren hat, pausieren wir an der Nationalstraße und flicken den Schlauch. In Baume-le-Dame kaufe ich in einem kleinen Lädchen eine neue Gaskartusche für den Kocher und frage bei der Gelegenheit nach einem Campingplatz in der Nähe von Besançon. Auch hier beginnt eine rege Diskussion, weil jeder, der im Laden ist, eine Möglichkeit zum Zelten kennt. Auf der Karte zeigt man mir, wo ich überall fündig werde und erklärt zu jedem Campingplatz noch, wie ich genau dahin komme. Gut gelaunt trage ich meine blaue Kartusche vor die Tür.


Zeltplatz am Fluss Doubs Wir fahren die Nationalstraße am Fluss Doubs entlang. An einem Holzstapel legen wir eine Pause ein, futtern Wurst, Brot und Käse und genießen den Ausblick. Da wir kurz vor Besançon einen Campingplatz am Fluss bemerken, entschließen wir uns, nicht weiter zu fahren und bauen das Zelt dort auf. Der Platzwart selbst wohnt mit seiner Frau und Hund in einem Wohnwagen mit Vorzelt auf dem Camingplatz und die beiden trinken gerade Wein. Zwar haben wir die Straße direkt im Nacken, aber unser Zelteingang liegt genau vor einem hölzernen Bootssteg und die Sonne spiegelt sich im Wasser. Auf dem Steg kochen und essen wir unseren mitgebrachten Reis, zusammen mit Käse. Daniel kann es sich nicht verkneifen, unserem lieben Alex einen Statusbericht per SMS zu schicken: "Wir sitzen an einem Bootssteg in der Sonne und genießen das Leben. Und was machst du?"


(Abendbrot: Reis ohne Tomatensoße)

Mittwoch, 24.05.06

Daniel am Springbrunnen in Besançon Es gelingt uns tatsächlich, 8 Uhr aufzustehen und wir sind gegen viertel 11 mit dem Packen fertig. Vor Besançon werden wir weiter durch enorme Anstiege geärgert. Unterwegs kaufen wir neuen Käse, Milch Schokoriegel und eine Wurst, auf der ich erst an der Kasse die drei aufgedruckten Peperonis entdecke. Im Stadtzentrum von Besançon stellen wir unsere Räder an eine Platane im Park und bewundern den großen Sandsteinspringbrunnen. Ich trinke einen ganzen Liter Milch und Daniel macht sich Sorgen, dass mir davon schlecht werden könnte. Wird's nicht, auch wenn es sich eine Weile komisch anfühlt, mit einem Liter Milch im Magen zu fahren.


der zukünftige Sommersitz ;) Von den vielen Bergen tun die Knie weh. Als wir das erste Hinweisschild zu einem Zeltplatz entdecken, beschließen wir, dort Station zu machen. Er gehört zu einer kleinen Farm in Rennes sur Loue und liegt wieder direkt am Fluss. In fast allen Bäumen sind Misteln zu finden und auch hier tropft es von den Blättern. Diesmal entdecke ich die Ursache – die Äste sind übersät mit Schaumzikaden. Wir waschen zum ersten Mal auf der Reise Wäsche, in einem Becken, das das Wasser nicht richtig hält. Unsere Spanngurte funktionieren wir zu Ersatzwäscheleinen um.


(Abendbrot: Reis und Tomatensoße Napoli)

Donnerstag, 25.05.06

Am Morgen gibt es frische Croissants und ein kurzes Gespräch mit der Frau von der Rezeption. Irgendwie irritieren wir in Frankreich die Menschen, wenn wir ihnen erzählen, dass wir mit dem Rad ans Mittelmeer wollen. Bevor wir weiterfahren, machen wir schnell noch ein Foto von dem schlossähnlichen Anwesen, dass wir an der Straße zum Campingplatz entdeckt haben und dessen großes schweres Eisentor mit einer rostigen Kette verschlossen ist.

Es ist enorm windig und ich ziehe mich doch lieber etwas wärmer an. Uns kommt ein Fahrrad mit einem Anhänger entgegen. Auf die Holzwand ist mit Farbe "Jesus lebt!" gepinselt. Der Besitzer grüßt uns strahlend. Später ärgern wir uns, dass wir nicht mal auf einen Plausch angehalten haben.

Da unsere Vorräte zur Neige gehen, suchen wir nach einem Supermarkt und finden einen in Lons-le-Saunier. Er hat geschlossen und wir sind irritiert. Es ist Donnerstag. Ich schlage im Wörterbuch nach, was Feiertag auf Französisch heißt und nehme mir vor, bei nächster Gelegenheit danach zu fragen.

Wir haben enormen Hunger und deshalb ist auch erstmal egal, dass die nächste nach Verköstigung aussehende Einrichtung ein McDonalds ist. Wir holen uns nacheinander (einer muss immer bei den Rädern bleiben) etwas zu essen, setzen uns draußen in Nähe der Räder an den Tisch und verteidigen das Mahl gegen gierige Spatzen.

unser Zeltplatz im Garten In Beaufort fragt Daniel in einer Tankstelle nach einem Campingplatz in der Nähe. Crotenot ist der nächste, liegt jedoch 5 km von der Straße weg in der "Pampa". Hier gibt es tatsächlich noch Landwirtschaft. Wir folgen einer Kuhherde, die mit dem Fahrrad und einem Hund ganz gemächlich nach Hause getrieben wird. Der Zeltplatz ist alle paar Meter ausgeschildert. Die Art auszudrücken, dass es geradeaus weitergeht, ist merkwürdig in Frankreich. Die Pfeile zeigen nach rechts, das Schild steht auf der linken Seite. Trotz der Abgeschiedenheit ist der Campingplatz gut besucht, hauptsächlich von Caravans. Die Platzbesitzer stammen aus den Niederlanden und empfangen uns sehr freundlich. Da es vorher einige Tage geregnet hat und der Boden aufgeweicht ist, empfehlen sie uns, den Platz im Garten zu nutzen. Dort sind gerade zwei andere Niederländer damit beschäftigt, ihre Behausung aufzubauen. Mit einem von ihnen unterhalten wir uns kurz, d.h. er beginnt ein Gespräch mit uns, indem er fasziniert von meinem Brillengestell schwärmt.


endlich ein Kaffee Zum Campingplatz gehört auch ein kleines Restaurant, in dem Kaffee, Wein und eine warme Mahlzeit angeboten werden. Draußen stehen rustikale Holztische und weil alles so einladend aussieht, wir heute keine Lust mehr zum Kochen haben und das Wort "Kaffee" gewisse Entzugserscheinungen erkennbar werden lässt, setzen wir uns an den Holztisch und genießen den Salatteller, den Schweinebraten, der hier Roulade genannt wird, und den Apfelkuchen mit Eis sowie Kaffee und ein Glas Wein. Von Ankie, der Hausherrin, erfahren wir, dass sie und ihr Mann schon vor 10 Jahren den Zeltplatz eröffnet haben und auch immer hier wohnen. Wir überlegen uns, wie anstrengend es sein muss, neben der Campingplatzverwaltung auch noch bis spät in die Nacht ein Restaurant zu führen.

Von der Toilette kehre ich schmunzelnd zurück. An der Innenwand hängt ein gelbes Schild mit der Aufschrift: "Don't put anything in this toilet until you've eaten it first." – nichts in die Toilette werfen, was du nicht vorher gegessen hast. Auch Daniel hat das Schild schon entdeckt. Wir fragen uns, ob das auch für das Toilettenpapier gilt.


Freitag, 26.05.06

Frühstück am Holztisch Nachdem wir gestern wieder auf den Kaffeegeschmack gekommen sind, bestellen wir uns heute gleich zwei große Tassen. Dazu gibt es frische Croissants und die kleinen Schokobrötchen, die ich so gern esse. Wir haben es heute gar nicht eilig, sitzen am Holztisch vor dem Restaurant und können es nicht lassen, im Urlaub Informatikerideen aufzuschreiben. Nachdem der Kaffee alle ist, ordern wir zwei neue Tassen – man weiß schließlich nicht, wann es wieder welchen gibt.
unsere Künstlermöhre Reichlich spät verlassen wir den Zeltplatz und müssen erst noch die 5 km zurück auf die Nationalstraße. Es geht mal wieder straff bergauf und der Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir nicht schneller sind als 12 km/h im Durchschnitt. An einem Waldweg legen wir eine Rast ein, direkt neben einem Gedenkstein. Mir hat es ein besonders großer Baum angetan, den ich nicht zuordnen kann und dessen Stammdicke sagt, dass er schon sehr lange dort steht. Er sieht aus wie eine Kiefer mit dunklen extrem kurzen Nadeln. Leider entdecke ich keine Zapfen und reiche auch nicht an die Äste heran. Mit Brot, Mohrrüben und Käse füllen wir unseren Magen wieder auf. Bei dieser Prozedur ist neben diversen anderen Albernheiten auch ein Foto unserer Karottenkunst enstanden.


Zug nach Lyon Da wir inzwischen längst festgestellt haben, dass wir es in dem Tempo nicht bis ans Mittelmeer schaffen werden, beschließen wir, in Bourg en Bresse den Zug zu nehmen und erstmal bis Lyon zu fahren. Bourg en Bresse ist nicht sehr ansehnlich, wir kaufen schnell noch Proviant ein und begeben uns zum Bahnhof. Auf dem Nachbargleis steht ein alter Zug, über den wir scherzen. Da die Abfahrtszeit näher rückt, auf dem ausgewiesenen Gleis nichts eintrifft und der alte belachte Zug der einzige ist, der in der Nähe rumsteht, bitte ich, Daniel nachzuschauen, ob das vielleicht unserer ist. Tatsächlich, er fährt auf einem anderen Gleis ab. Wir finden kein Fahrradabteil und stellen uns mit den Rädern zwischenrein. Später erklärt uns der Schaffner, dass es gefährlich ist, dort zu stehen und der Zug einen Extrawagen für Fahrräder besitzt. Wir zucken mit den Schultern und fahren die letzen Kilometer im Bewusstsein unserer gefährlichen Situation. Von einem Jugendlichen werden wir gefragt, wohin wir wollen. Auch hier wird das Mittelmeerziel wieder mit einer Mischung aus anerkennender und erstaunter Reaktion aufgenommen.

In Lyon angekommen irren wir vor dem Bahnhof umher, um ein Informationszentrum zu suchen. Überall stehen Tafeln mit Karten und dem typischen "vous etes ici" - "sie sind hier". Nirgends können wir einen Zeltplatz auf der Karte entdecken. Es gibt Infotafeln an jeder Ecke und alle bieten uns dasselbe Bild. Also zurück zum Bahnhof. An der dortigen Auskunft fragt Daniel nach einem Zeltplatz und bekommt einen in Meyzieu genannt, 20 km östlich von Lyon. Die Stadt schauen wir uns nicht weiter an, mit den Fahrrädern plus Gepäck ist das unpraktisch. Die grobe Richtung nach Meyzieu erfragen wir bei einem Passanten und entscheiden dann an jedem weiteren Schild nach dem Prinzip "Das könnte stimmen." In Meyzieu selbst fragen wir schließlich in einer Pizzeria, da es keine Hinweisschilder zum Campingplatz gibt. Wir bekommen es genau erklärt und freuen uns, dass wir wissen, was Ampel auf Französisch heißt. Als wir an einer solchen warten müssen, kurbelt eine Frau im Nachbarauto aufgeregt das Fenster runter und fragt, wo wir hinwollen. Daniel sagt was von Campingplatz, da wird es gerade grün. Sie schreit uns die Richtung zu und sieht aus, als hätte sie gern noch mehr gefragt. Wir müssen tatsächlich sehr skurril auf die Einheimischen wirken.

Auch auf der weiteren Strecke ist nirgends ein Hinweisschild zum Camping zu finden. Wir überholen einen Rucksackreisenden, der anscheinend dasselbe vorhat wie wir. Schließlich stehen wir vor den verschlossenen Toren des Campingplatzes, der für seine Abgelegenheit sehr groß ist. Ein paar Minuten später trifft der Rucksacktourist ein und wir stellen fest, dass es sich ebenfalls um einen Deutschen handelt. Zusammen überlegen wir, was wir machen. Von drinnen ruft einer, dass er dem Platzwart bescheid sagt. Ein anderer Camper lässt uns rein und wir warten an der Rezeption. Der Rucksackmensch erzählt von seinen Irrwegen, bis er von Lyon aus den Campingplatz gefunden hat Er ist zu Fuss unterwegs und möchte über die Pyrenäen, den Jakobsweg laufen und dann in Portugal im August seine Familie treffen. Da an der Rezeption niemand auftaucht, suchen wir uns einfach einen Platz für das Zelt und werden zum Anflugplatz blutsaugender Biester. Also hole ich die stinkende Bio-Anti-Insektenlotion raus und wir reiben alles ein, was nicht von Stoff verdeckt wird. Ein bißchen scheint das zu helfen. Den Rucksackreisenden laden wir zu uns ans Zelt ein, um mit uns den Reis zu teilen. Besonders begeistert sind wir nicht von dem Campingplatz, aber morgen gehts ja eh weiter. Ralf, so heißt unsere Reisebekanntschaft, bringt Brot und Wein mit. Wir steuern Reis und Tomatensoße bei. Ralf ist Atenpfleger und kommt aus dem schönen Schwabenländle. Wir unterhalten uns lange mit ihm und ziehen uns dann nach der Jagd auf eingedrungene Mücken ins Zelt zurück.


(Abendbrot: Reis und Tomatensoße Bologneser Art, ohne Fleisch)


Samstag, 27.05.06

Gegen 8 stehen wir auf. Hier fällt das garnicht so schwer. Frühstücken wollen wir woanders. Gegen 10 haben wir alles zusammengepackt und brechen auf, können uns sogar nochmal von Ralf verabschieden und ihm alles Gute wünschen. Frühstück gibt es ein paar Minuten später bei McDonalds. Es besteht aus einem Kaffee und 2 Mandise - eine Art Muffin, der mit Schokolade gefüllt und ekelhaft süß ist. Ein Blick auf die Karte verrät uns, dass die Straße, die wir weiterfahren müssen, nicht sonderlich einladend aussieht, sondern eher nach Ballungszentrum. Unser nächster Anlaufpunkt wird also Vienne, da es dort einen Bahnhof gibt.

bunter Feldstrauß Im Intermarche wird neuer Proviant und stärkere Sonnencreme eingekauft. Die ist vonnöten, denn von oben gibt es ordentlich Hitze und bergauf zu fahren wird so noch anstrengender. Nach einer Autobrücke legen wir eine Rast im Schatten ein. Dort stehen große Blocksteine, auf die man sich bequem setzen und sein zweites Frühstück verzehren kann. Nebenan sonnt sich eine Eidechse. Außerdem bestehe ich unterwegs auf einen Halt für ein Mohnblumenfoto. Ein paar Minuten später stehe ich im Feld und pflücke mir einen bunten Strauß.


Vienne an der Rhône die Kathedrale Saint Maurice in Vienne Gegen 3 erreichen wir Vienne und mögen die Stadt auf Anhieb. Der Weg zum Bahnhof führt an der Rhône entlang, die Häuser haben südländischen Charme und als wir die Kathedrale St. Maurice entdecken, biegen wir nochmal links ein, um sie uns auch von innen anzusehen. Bereits von außen ist der Bau mehr als imposant, allein schon wegen der breiten hellen Steintreppe die hoch zur Eingangstür führt. Ein bißchen fühle ich mich an Notre Dame in Paris erinnert. Ich erklimme die steinerne Treppe, drehe mich nach der Hälfte um, um Daniel zu fotografieren, der gerade die Ginger-Ale-Flasche zum Trinken ansetzt. Dann betrete ich die Kathedrale und mich befällt soetwas wie Ehrfurcht. Drinnen ist es wider Erwarten unscheinbar hell. Dafür sorgen unter anderem zahlreiche Fenster. Es läuft Musik – ich glaube, es sind gregorianische Klänge. An einem der kleinen Altare im Seitenschiff zünde ich für Merten eine Kerze an.


Nach mir besucht Daniel die Kirche, dann setzen wir den Weg zum Bahnhof fort. Der ist recht klein, es gibt gerade mal 3 Gleise. Daniel kauft ein Ticket und versucht, herauszufinden, wo der Zug nach Avignon ein Fahrradabteil hat. Der angesprochene Bahnbedienstete gibt zu verstehen, dass er gerade keine Zeit hat, da gleich ein Zug eintrifft. Es fahren gleichzeitig 2 Züge ein und wir begreifen zu spät, dass wir auf dem falschen Gleis stehen. Als wir in der Unterführung sind, hören wir unseren Zug gerade abfahren. Ich lehne mein Fahrrad an einen Mast auf Gleis 3 und gehe mit den Tickets zurück zum Schalter, um zu fragen, wann und an welchem Gleis der nächste Zug nach Avignon fahren wird und ob wir das Ticket wiederverwenden dürfen. Gedanklich kratze ich meine dünnen Französischkenntnisse zusammen. Am Schalter befindet sich eine lange Warteschlange. Fast eine Dreiviertelstunde muss ich da stehen, bis ich endlich meine Fragen stellen kann. Der Mensch ist freundlich, ich bekomme schnell alle Informationen, die ich brauche und kehre zufrieden zu Daniel zurück. Der erzählt mir, dass ein Güterzug durchgefahren ist und der entstandene Luftsog fast mein Fahrrad umgeworfen hätte, wenn er nicht geistesgegenwärtig mit dem Fuß gegen das Hinterrad getreten wäre. Wir müssen noch eine Stunde warten, essen von den kleinen gelben Schaumzuckerbananen, die ich neulich gekauft habe und begutachten die roten Pickel, die meinen Handrücken zieren und von der Sonne stammen müssen.

Der Zug trifft ein und man hilft uns, das Fahrrad hineinzuheben. Ich muss feststellen, dass durch den kleinen Beinaheunfall von vorhin die Acht im Hinterrad zurückgekehrt ist. Das Rad ist fahruntauglich und ich bin erstmal ein bißchen niedergeschlagen, weil wir Wochenende haben und ich eine Reparatur in nächster Zeit als unmöglich ansehe.

Pont Daladier in Avignon In Avignon angekommen heißt es Fahrrad schieben, aber der Campingplatz ist nicht weit. "La Bagatelle" befindet sich direkt an der Pont Daladier – einer Brücke vom Stadtzentrum über die Rhône zur Ile de la Barthelasse – und der Mann an der Rezeption (später finden wir heraus, dass es der Wachmann ist) versteht sogar Deutsch. Es ist ca. 21 Uhr, ich muss meinen Ausweis als Pfand dalassen und bekomme Zeltplatz 200 zugewiesen. Den Weg dorthin möchte er mir aber auf Französisch erklären. Kein Problem, so haben wir beide unsere Übung. Die sanitären Anlagen lassen zu Wünschen übrig, Daniel möchte sich den anderen, etwas teureren Zeltplatz nochmal anschauen. Als er zurückkommt, meint er, dort sei es zwar sauberer, aber dafür gibt es keinen freien Platz mehr. Mir ist es fast schon egal, denn ich bin müde und froh, erstmal einen Schlafplatz zu haben.


(Abenbrot: Reis und Tomatensoße mit Parmesan)

Sonntag 28.05.06

innerhalb der Stadtmauern ein Laden für Umstandsmode Heute haben wir uns das Ausschlafen verdient und wir wollen ja sowieso den Tag in Avignon verbringen. Frühstück und Morgentoilette werden also ausgedehnt. Da Sonntag ist, versuche ich auch gar nicht erst, mich wegen einer Fahrradwerkstatt zu kümmern, das machen wir morgen. Die Sonne scheint und es ist windstill, also ziehe ich mein Sommerkleidchen und die Sandalen an, dann schlendern wir über die Brücke, ins Innere der Stadtmauern. Die Gassen sind eng und verwinkelt. Ich bewundere die Pflastersteine, die – anders als hier – aussehen, als hätte man lauter flache Kiesel aus dem Flussbett in die Straße eingelassen. Wie bereits gesagt, ist es Sonntag und die kleinen Lädchen entlang unseres Weges haben geschlossen. Trotzdem sind überall Touristen auf den Beinen. Auf das Schaufenster eines Geschäftes werde ich besonders aufmerksam, denn dort gibt es nur Umstandsmoden, nichts anderes. Überhaupt ist es auffällig, dass in Frankreich Kinder viel selbstverständlicher zu sein scheinen und auch allgemein mehr davon vorhanden sind. Daniel kann es sich nicht verkneifen, mich vor diesem Geschäft mit dem Titel "9 mois", also "9 Monate", zu fotografieren.


der Päpstepalast vom Markt aus vor der St. Agricol Die Rue de la République ist die zentrale Straße der Stadt. Hier findet sich Restaurant an Restaurant. Sie alle haben in der Mitte der Straße ihre Tische aufgebaut, jedes Lokal mit anderem Ambiente. Durch die Aneinanderreihung entsteht ein buntes Wirrwarr. Am Ende der Tischreihen beginnt der Markt, auf dem Töpfer und andere Kunsthandwerker ihrer Waren feilbieten. Vor unseren Augen steht das Palais des Papes – der Päpstepalast. Es ist nahezu unerträglich heiß. Wir gehen zunächst die Stufen zur Kapelle empor und betreten ihr Inneres. Hier lässt es sich deutlich besser aushalten, es ist kühler und dunkel. Eine Weile sitzen wir auf einer der Kirchenbänke und schauen uns die Deckengemälde an. Als wir wieder heraustreten, müssen die Augen sich erst neu an die Sonne gewöhnen. Vor der Kirche befindet sich eine riesige Kreuzigungsskulptur. Die Steine am Boden sind spiegelglatt, wie poliert. Das finden wir öfter vor in der Stadt.


Blick auf Avigon von Rocher des Domes gestützer Baum An die Kirche schließt ein Garten an, "Rocher des Domes" heißt das Areal. Man hat von hier einen wunderschönen Blick auf die Umgebung, es gibt eine kleine künstliche Grotte mit Koiteich und einen Minikräutergarten. In einer Art Café bestellen wir uns einen Eisbecher und freuen uns noch mehr, als der Ober uns zuvor eine Karaffe mit Wasser und zwei Gläser auf den Tisch stellt. Beim Verlassen des Gartens fällt uns ein Baum auf, der, weil er nicht gerade gewachsen ist, durch eine Pfeilerkonstruktion abgestützt wird.

Wir entdecken, dass das Palais ein Museum beinhaltet und beschließen spontan, uns das näher anzuschauen. Am Eingang erhalten wir eine Art Telefon. Im ganzen Palast sind Tafeln zu den Räumen oder Ausstellungsstücken verteilt, auf denen Nummern stehen. Wählt man diese Nummer auf dem erhaltenen Gerät, bekommt man die zugehörige Geschichte in seiner Landessprache erzählt und zu erzählen gibt es viel. Wir erfahren, warum der Päpstepalast in Avignon steht und seit wann, welche Päpste ihn bewohnten und was sie verändert haben, welche Baumaterialien verwendet wurden, von welchen Künstlern die Wandgemälde stammten und wie lange man baute, was es bei Gelagen zu essen gab (und diese Liste war beeindruckend lang, zumal der Magen knurrte) und wie der Innenhof des Palastes heute genutzt wird. Da der Akku meines Handtaschenerzählers nach einigen Stunden nicht mehr will, höre ich die letzten Kapitel der Führung bei Daniel mit und merke am Ende auch langsam, dass Zuhören anstrengender ist, als man zu denken vermag. Es ist schon nach 5 als wir den Palast verlassen. Wir spazieren ein wenig durch die Gassen und fotografieren dabei auch nochmal die Pont d'Avignon, bei deren Erwähnung jeder gleich schreit: "Da gibt es doch dieses Lied". Zu diesem Zeitpunkt entwickeln wir noch die wildesten Theorien, warum die Brücke denn nur bis zur Mitte des Flusse reicht.


Welches Fenster ist echt? Nachts im Zentrum von Avignon Da wir Hunger haben und noch nicht zum Zeltplatz zurück möchten und da wir ja außerdem im Land der kulinarischen Genüsse weilen, liegt der Besuch eines Restaurants natürlich nahe. Wir sind zurück am Papstpalast und schreiten die Tischmeile in der Mitte der Straße ab, die ausgehängten Menüpläne lesend. Die ersten, die wir entdecken, sind eindeutig unserem Reisegeldbeutel nicht wohlgesonnen, aber einige Menüs und Tischdeckenfarben weiter sind wir schon etwas interessierter, was umgehend dazu führt, dass wir von einer eigens auf Gästefang trainierten Mitarbeiterin des Lokales angesprochen werden. Weil das Angebot jedoch ansprechend klingt, lassen wir uns einen Tisch geben und bestellen ein Menü und Wein. Pont d' Avignon bei Nacht Satt und zufrieden möchten wir den Abend noch nicht so schnell enden lassen und bummeln erneut durch die Straßen Avignons. In vielen Lokalen spielt man Lifemusik – Jazz oder spanische Gitarrenklänge. Interessante Gebäudefassaden laden zum Fotografieren ein, so z.B. eine Hauswand, auf der man Fenster mit verschiedenen Szenen aufgemalt hat. Außerdem versucht Daniel, die nächtliche Stimmung festzuhalten, was ihm bei einigen Bildern auch gut gelingt. Es ist nach 10 als wir zum Campingplatz zurückkehren.


(Abendbrot: Hatte ich schon erwähnt, dass zu meinem Menü Reis gehörte?)


Montag, 29.05.2006

Das Aufstehen gelang uns heute angenehm pünktlich und ich laufe zunächst zur Rezeption, um die beiden Übernachtungen zu bezahlen und nach einer Fahrradwerkstatt zu fragen. Am Eingangshäuschen hängt ein Zettel mit der Bitte, sich im Geschäft zu melden, also gehe ich dorthin. Einige Gäste holen ihre bestellten Backwaren ab und so schaue ich mich noch im Laden um. Ich nehme schließlich eine Gaskartusche und zwei Einzelportionen von einem bekannten Schokobrotaufstrich mit, bezahle die beiden Tage auf dem Zeltplatz und bekomme meinen Ausweis zurück. Da ich nicht weiß, was Fahrradwerkstatt auf Französisch heißt, frage ich nach einem "magasin pour réparer le vélo" und bringe den Mann vor mir damit ganz schön ins Schwitzen. Er überlegt und meint schließlich, er müsse Udo – er spricht es natürlich Französisch aus – fragen. Udo benennt ein Geschäft mit dem Namen "Masson" im Zentrum von Avignon und ich bekomme ein Kreuz auf einem Stadtplan. Zurück am Zelt schlägt Daniel vor, dass er, während ich in der Stadt mein Fahrrad reparieren lasse, unsere Sachen zusammenpackt, sodass wir nach meiner Rückkehr gleich aufbrechen können. Mir wäre es lieber, gleich zu packen und auf dem weiteren Weg die Werkstatt aufzusuchen, auch weil ich Angst habe, dass mein Französisch nicht reichen wird. Daniel überzeugt mich schließlich und ich ziehe los. Da ich mein Rad sowieso schieben muss, nehme ich die Treppe, um auf die Brücke zu kommen. Ohne Gepäck ist das Fahrrad erstaunlich leicht. Auf einer der Stufen sonnt sich eine Eidechse, die sich verschreckt aus dem Staub macht.

Ausschnitt Karte Avignon Auf meinem Weg durch die Stadt mit der Karte in der Hand und dem Fahrrad neben mir werde ich immer wieder von freundlichen Einheimischen angesprochen, die wissen möchten, was ich denn suche. Obwohl ich den Weg kenne, lasse ich mir erklären, wo ich langgehen muss, schaue dann in das zufriedene Gesicht meines Helfers und bedanke mich artig. Irgendwann komme ich an dem Platz an, auf dem sich das besagte Fahrradgeschäft befinden soll. Ich muss erst eine Runde laufen, ehe ich ein Schild mit der Aufschrift "Masson" entdecke. Ein wenig erstaunt bin ich schon, denn in dem Laden stehen große blankpolierte Mottoräder. Als ich weiter hinten ein paar Fahrräder hängen sehe, denke ich "nun, vielleicht ist das doch was". Vor der Eingangstür ist ein Gitter herabgelassen und ich finde keinen Hinweis auf Öffnungszeiten. Enttäuscht blicke ich auf meine Karte und wähle die Touristeninformation zum nächsten Anlaufpunkt. Dort angekommen muss ich kurz warten und werde dann von einer freundlichen Frau angelächelt, die ich auf Französisch nach der gesuchten Fahrradwerkstatt anspreche. Sie fragt mich, ob ich Englisch oder Deutsch spreche und so führen wir das Gespräch in meiner Muttersprache weiter. Neben Masson, der ja bekanntlich geschlossen hat, zeichnet sie mir eine Werkstatt etwas außerhalb der Stadtmauern und einen Verleihservice am Rand ein, von dem sie glaubt, dass er auch Fahrräder reparieren kann. Sie gibt mir aber den Hinweis, das montags viele Geschäfte in Frankreich geschlossen haben. Das erklärt zwar einiges, lässt aber auch meine Hoffnungen auf Hilfe schwinden.


Zunächst verlasse ich die Stadtmauern und stelle fest, dass die Straßen außerhalb des Zentrums auf dem Plan einen anderen Maßstab haben. Ich muss also fast eine halbe Stunde laufen, bis ich endlich bei "Roberto" ankomme, der tatsächlich eine große Fahrradwerkstatt zu haben scheint. Am Eingang hängt ein Schild mit den Öffnungszeiten und "fermé le lundi" – montags geschlossen. Ich schiebe mein Rad also zurück zu den Mauern und überlege, dass ich wenigstens noch das dritte eingezeichnete Kreuz anlaufe, auf ein paar Meter mehr kommt es nicht an. Auch dieser Händler hat zu und ich kehre zum Campingplatz zurück. Daniel fragt den Mann an der Rezeption nach dem Verleih eines Rades für ein paar Tage, was wohl möglich wäre. Wir packen zusammen und stürzen uns in das Abenteuer Fahrradausleihen. Da der Zeltplatzangestellte nur Französisch spricht, gestaltet es sich ein wenig schwierig, zu erklären, was wir genau wollen. Wir möchten, weil mein Fahrrad kaputt ist, eines von ihm mieten, um damit ans Mittelmeer zu fahren, also den Zeltplatz zu verlassen. Als er Mittelmeer hört, ruft er erschrocken aus, dass das sehr weit ist und schaut uns an, als ob wir das nicht selbst wissen. Wissen wir aber! Er kramt trotzdem eine Karte hervor, um sich eine ungefähre Vorstellung zu verschaffen und sagt etwas von 200 km. Jaja, wissen wir, wissen wir, aber wir brauchen ein Fahrrad. Er verlangt wieder meinen Ausweis. Ich versuche, zu erklären, dass ich meinen Ausweis nicht dalassen kann, wenn ich die nächsten 4 Tage außerhalb Avignons unterwegs bin und bitte ihn, eine Kopie zu machen, da er dann ja über die notwendigen Daten verfügt, um mich dingfest zu machen, wenn ich das kostbare Fahrrad in meinen Besitz überführen sollte. Mein Ausweis wird also gescannt und ich habe irgendwie das Gefühl, wir sind die ersten Menschen mit diesem Anliegen. Ein zweiter Mitarbeiter kommt hinzu, der ein wenig Englisch spricht. Von seinem Kollegen wird ihm der Sachverhalt erklärt. Der Neue wendet sich uns zu und meint, dass es ein großes Problem gibt, da er ein Pfand benötigt, wenn er ein Fahrrad hergibt. Schon ein wenig ärgerlich sage ich ihm, dass er dafür ja mein Fahrrad hat (und ich denke mir nur, dass er da auf jeden Fall den besseren Deal gemacht hat). Das scheint tatsächlich in Ordnung zu gehen, denn wir werden mit Leihrad entlassen. Mein Rad darf ich unter der Herberge im Gerätekeller anschließen. So weiß ich es sicher aufgehoben. Der geliehene fahrbare Untersatz sieht nicht einladend aus. Der Gepäckträger ist recht wackelig, die Bremsen funktionieren schlecht und im Hinterrad scheint zudem ein Loch gefahren zu sein. Daniel besteht darauf, das gefährliche Leihstück zu fahren und ich bekomme dafür seinen treuen Begleiter.

Es ist gegen Zwei als wir endlich auf die letzten Kilometer ans Meer aufbrechen. Da wir jetzt eine der Touren aus dem blauen Bikeline-Heftchen nehmen, müssen wir immer mal wieder anhalten um uns zu vergewissern, wo wir abbiegen sollen, denn der Weg führt jetzt nicht mehr einfach nur die Nationalstraßen entlang, sondern vorbei an Obstplantagen und kleinen Gehöften. In einem Intermarché kaufen wir noch Proviant ein und leeren eine Packung mit Eisriegeln. Es ist immernoch heiß und sonnig, aber wir haben uns dick mit Babysonnencreme eingerieben, die eine dünne weiße Schicht auf der Haut hinterlässt und daher dafür sorgt, dass man ein bißchen krank aussieht.

Abbaye St. Michel de Frigolet Türme der Abbaye St. Michel de Frigolet Ab und zu weichen wir ein wenig vom vorgeschriebenen Weg ab, weil die Straßen nicht genauso heißen, wie auf der Karte ausgewiesen oder wir sie vielleicht nur nicht entdeckt haben, finden aber immer wieder zur eigentlichen Route zurück. Die Anstiege sind in der Karte durch dünne und dicke schwarze Pfeile gekennzeichnet, sodass wir uns mental darauf vorbereiten können. Wir kommen schließlich in ein bergiges Waldgebiet, in dem überall Warnschilder zu finden sind und wir rätseln, wovor gewarnt wird. Weil wir eine Stunde vorher eine Schlange auf der Straße liegen sahen, tippen wir auf diese Reptilien. Einen Stopp später schauen wir ins Wörterbuch und übersetzen: Gefahr! Jagdgebiet. Da wir davon ausgehen, dass Jäger nicht unverhofft in Radfahrerwaden beißen, fahren wir beruhigt weiter und atmen den Lavendelduft ein, der uns die ganze Zeit begleitet, ohne das wir ein einziges Lavendelfeld sehen. Hin und wieder mischt sich der Duft von Pfefferminze hinzu und ich fühle mich ein bißchen wie in einem Seifengeschäft. Links und rechts säumen Olivenhaine die Straße. An der Abbaye St Michel de Frigolet stellen wir unsere Fahrräder ab und schauen uns dort – wieder nacheinander – genauer um. Da ich am Eingang einen Briefkasten entdeckt habe, schreibe ich noch schnell eine Postkarte nach Hause und werfe sie ein. Dann geht es weiter.


Abbaye St. Michel de Frigolet Am Ortseingang von Saint-Rémy-de-Provence stocken wir noch einmal den Wasservorrat auf. Als ich aus dem Markt zurückkomme, ist es draußen schlagartig düster und kühl geworden. Daniel schlägt vor, baldmöglichst den Campingplatz aufzusuchen. Wir möchten nicht gleich den in der Nähe nehmen, sondern ziehen einen in unserem Heft beschriebenen vor, finden ihn aber nicht auf Anhieb. In der Stadt weist ein Schild einen Campingplatz auf einer Farm aus. Da nur das Symbol für Caravans eingezeichnet ist, fahren wir weiter, müssen dann aber davon ausgehen, dass es der gesuchte Campingplatz ist. An der Rezeption sagt mir die freundliche Frau, dass wir unser Zelt aufbauen können, wo wir möchten. Es ist richtig gemütlich dort, die Stellflächen sind durch niedrige Holzbalken abgeteilt, und es gibt an jeder eine kleine Steinbank. Da ich an der Rezeption Wein habe stehen sehen, gehe ich nochmal hin und nehme eine Flasche Rosé mit. Heute lassen wir es uns wieder richtig gut gehen. Mittlerweile ist es extrem windig geworden, der Mistral wird spürbar. Wir kochen Reis mit – tataaa – Tomatensoße, haben aber auch noch Käse und Chorizo. Der Wein ist lecker und es macht viel Spaß, das auf den Postkarten an unsere Freunde und Kollegen mitzuteilen.

(Abenbrot: Reis und Tomatensoße mit Auberginen)

Dienstag, 30.05.2006

auf den Alpilles Die Nacht war recht laut, da der Wind am Zelt riss. Gegen Neun pellen wir uns aus dem Schlafsack und frühstücken. Beim Erledigen des Abwasches komme ich mit einer Schwedin ins Gespräch, die unsere Fahrräder gesehen hat und mich auf Englisch fragt, wielange und wohin wir unterwegs sind. Ich erfahre, dass sie mit ihrem Freund auch leidenschaftlich gern Radtouren unternimmt, zur Zeit aber lieber mit dem Wohnwagen unterwegs ist, weil sie ein Kind erwartet. Sie erzählt mir außerdem von ihrer Reise nach Laos und Vietnam. Ich freue mich, ganz nebenbei noch ein paar Tipps für andere Länder zu bekommen. Gegen halb Zwölf fahren wir weiter und beginnen gleich mit einem Mordsberg. Das Gebiet nennt sich Alpilles und wir fahren von ungefähr Meeresspiegelhöhe auf 300m hoch. Da wir mit dem Mistral fahren, meint man zeitweise, eine große Hand fasst einem am Rücken und schiebt – ein seltsames Gefühl. Auf dem Gebirgskamm und bei der Abfahrt wirft einen der Wind fast vom Fahrrad. Der Ausblick ist imposant und auf der rechten Seite sehen wir im Vorbeifahren rechteckige Höhlen, die sehr bizzar auf den Betrachter wirken, fast wie Wohngebäude im Fels.


historische Altstadt von Arles das Amphitheater in Arles In Arles legen wir noch einmal eine Pause ein und schlendern durch die Altstadt. Ich kaufe ein paar zusätzliche Postkarten und in einer kleinen Bäckerei zwei "Bagnettes", sozusagen kleine Baguettes, die frisch gebacken sind und lecker duften. Wir fahren hoch zum Amphitheater, lehnen dort unsere Fahrräder an eine Mauer und brechen uns abwechselnd ein Stück von dem knusprigen Brot ab. Ein junges Pärchen fragt mich, ob ich sie vor dem römischen Bauwerk fotografiere. Die Frau erkundigt sich zunächst, ob ich Französisch verstehe. Dann erklärt sie mir dann ganz genau, was alles auf dem Bild zu sehen sein soll und wie die Kamera funktioniert. Ich mache artig das gewünschte Bild. Das Amphitheater wirkt beeindruckend. Der Sandstein ist an manchen Stellen sehr hell, sodass wir davon ausgehen, dass das Bauwerk dort restauriert wurde. Wir umrunden das Theater und nehmen auf einer Bank noch einmal Platz, um das zweite Bagnette zu verzehren und die moderne Technik zu nutzen, ein paar Leuten zuhause von der Sonne in Arles mitzuteilen. Zugegebenermaßen frohlocken wir ein bißchen, gerade jetzt Urlaub zu haben, wenn der Antwortende von Arbeit und Regen berichtet.


Flamingos in der Camargue Nach und nach wird es flacher. Der Tourenführer lotst uns auf kleine Wege, die kilometerweit durch Obstplantagen führen. Wir sehen riesige Artischockenfelder, Kirsch-, Oliven- und Aprikosenbäume, riechen aber auch den Dünger, der überall Einsatz findet. Es ist heiß und unser Wasser und das "Brut de Pomme" sind inzwischen lauwarm. Die Landschaft verändert sich zusehends auf dem Weg durch die Camarque nach Saintes Marie de-la-Mer. Es gibt weniger Bäume, die Zahl der Singvögel hat abgenommen, irgendwann taucht Schilf auf und wir entdecken geflutete Felder, auf denen man Reis anzubauen scheint. Als wir von einem der kleinen Wege wieder auf die Nationalstraße fahren, bemerken wir einen Aussichtspunkt, an dem viele Autos parken. Weit hinten stehen zahlreiche Flamingos im Wasser und wir stellen uns auch auf den kleinen Holzturm, um sie uns anzusehen. Viel gibt es nicht zu betrachten, denn die Tiere sind zu weit weg. Ein deutscher Tourist spricht uns an und wir wechseln ein paar Worte über Dauer und Ziel der Reise. Zu den Flamingos bemerkt der Mann, dass ca. zwei Kilometer zurück auf der Nationalstraße die Tiere viel näher zu sehen seien. Er überlegt noch einmal kurz und meint schließlich, dass es wahrscheinlich sogar weniger als zwei Kilometer sind. Da wir noch Zeit haben, beschließen wir, ruhig die kurze Strecke in die entgegengesetzte Richtung zu fahren. Nach ca. 4 Kilometern drehen wir um und müssen einsehen, dass Autofahrer Entfernungen anders einschätzen als Radfahrer dies tun.

Laufkäfer im Spülbecken Antje barfuß im Meer Wir haben noch nicht eingekauft und unser Proviant ist zur Neige gegangen. Am Straßenrand werden Aprikosen und Kirschen feilgeboten. Das ist eine willkommene Gelegenheit. Das Obst sieht hervorragend aus. Wir bekommen noch einen Schluck Wein und ein Stück fettige Stierwurst zum Kosten, ziehen schließlich mit einer kleinen Tüte Kirschen, einer Tüte Aprikosen und einer Olivenölsammlung für daheim von dannen. In Saintes Marie de-la-Mer sehen wir noch einen Supermarkt und ich kaufe neuen Käse, die schon zum Standard gewordene Chorizo, Müsliriegel, Soße für den Reis und als besondere Zugabe Joghurt. Am Ortsausgang taucht der erste Campingplatz auf – mit vier Sternen. Die Nacht kostet 24 €, aber wir bleiben trotzdem, da wir das Zelt direkt vorm Strand aufstellen können. Der Mistral gibt sich mächtig Mühe, das zu verhindern. Von drei Sanitärkomplexen auf dem Zeltplatz wird nur noch einer genutzt. In einem Geschirrbecken des geschlossenen Areals krabbelt ein großer Laufkäfer herum. Nachdem wir alles aufgebaut haben, gehen wir zum Strand. Ich ziehe meine Schuhe aus und laufe am Meeresrand durchs Wasser. Die Temperatur schätze ich auf 16 Grad, eigentlich zu kalt zum Baden, da es bereits gegen 19 Uhr ist und der kräftige Wind pfeift. Nach einer Weile probiert auch Daniel, barfuß durchs Wasser zu laufen, gräbt dann seine Füße aber schnell wieder im wärmeren, trockenen Sand ein. Schließlich motiviert er mich doch noch dazu, den Bikini auszupacken und wenigstens einmal kurz unterzutauchen. Gar nicht so unangenehm. Dann laufen wir zurück und verzehren das opulente Abendmahl. Die Aprikosen sind köstlich und viel zu schnell aufgegessen.


(Abendbrot: Reis mit Tomatensoße und Basilikum)

Mittwoch, 31.05.06

CSN wirbt in Frankreich Zum Frühstück gibt es diesmal einen kleinen Aschkuchen, den ich am Tag zuvor quasi als Besonderheit im Supermarkt geholt habe. Es ist noch immer extrem windig und wir kochen den Pfefferminztee daher lieber im Vorzelt. Bevor wir zusammenpacken, laufe ich zum Abschied nocheinmal ans Meer. Im Sand finde ich einen Euro, die anderen, die da sicher noch rumliegen, lasse ich für die Nachwelt liegen. Der Mistral erschwert den Zeltabbau und wir waffnen uns mit Steinen und Packtaschen, um das einmal zusammengelegte Überzelt zu beschweren, bis wir das Innenleben mit einrollen können. Gegen 12 und damit später, als wir vorhatten, brechen wir auf. Der Wind schiebt jetzt nicht mehr, sondern kommt direkt von vorn, so dass man den Eindruck gewinnt, er hindere uns an der Rückreise. Daniel und ich wechseln ständig die Positionen, damit jeder einmal in den Genuss von Windschatten kommt. von den Stuttgarten fotografiert Als wir wieder einen Obstladen am Straßenrand sehen, halten wir an, um noch einmal einen großen Vorrat an Aprikosen einzukaufen. Bei der Gelegenheit gebe ich meinen Strandfund aus. Eigentlich ist das Fahren nur noch anstrengend und macht keinen Spaß mehr. Zeitweise hat man Mühe, das Rad überhaupt gerade zu halten. Am Kanalweg hängen wir uns in eine Gruppe von vier Fahrradfahrern ein. Sie tragen alle rote Jacken und wir erfahren später, dass sie aus Stuttgart kommen, in Herbergen übernachten, eine Woche Urlaub machen, in der Camargue begonnen haben und nun nach Avignon wollen. Bis kurz vor Nimes fahren wir in Begleitung, dann wählen die anderen einen Weg, der an Nimes vorbeiführt, während wir auf die Stadt zufahren. Nach einer Weile entscheiden wir um und folgen dem Weg der anderen, weil Nimes sehr groß ist und Städtedurchfahrten aus Erfahrung länger dauern. Das bedeutet natürlich auch, dass wir wieder gegen den starken Mistral anfahren. Als ein Supermarktschild auftaucht, biegen wir ein, um unseren leeren Verpflegungsbeutel zu füllen. Neben allem Üblichen kaufe ich eine große Flasche Trinkjoghurt. Es beginnt zu tröpfeln und wir greifen zur Regenkleidung. Wir sind uns sofort einig, dass es egal ist, ob wir jetzt nach einem weiteren Zeltplatz suchen oder von Nimes aus mit dem Zug zurück nach Avignon fahren. Also geht es auf zum Bahnhof von Nimes. Die Straßen sind vollgestopft mit Autos und als Radfahrer lebt man dort schon ein bißchen gefährlich. Am Bahnhof angekommen, versuchen wir, mit meiner Kreditkarte ein Ticket zu lösen. Der Automat meint, dass ich über keine der akzeptierten Karten verfüge, obwohl sie im angezeigten Repertoire auftaucht. Daniel stellt sich also am Schalter an. In der Zwischenzeit werde ich von einer jungen Frau gefragt, ob ich vorhabe, am Mittwoch zu zweit nach Paris zu fahren. Nein, das ist nicht ganz meine Richtung. Daniel kommt mit den Tickets. Wir haben noch einiges an Zeit, bevor es losgeht und setzen uns auf eine Bank im Eingangsbereich. Gegenüber sitzt eine ganz frische Mutti und stillt ihr Neugeborenes.

Als der Zug einfährt, zeigen uns freundliche Bahnbedienstete sofort den Fahrradwaggon und helfen uns beim Einsteigen. Wir haben den ganzen Waggon für uns alleine und sind ganz begeistert, obwohl es keinen Sitzplatz gibt. Als wir in Avignon aussteigen, scherzt der Schaffner mit uns und meint, dass er den Wagen einfach abschließt, uns eine gute Nacht wünscht und morgen wiederkommt. Wir lachen herzlich. Den Weg zum Campingplatz, der zunächst an dieser nervenden sprechenden Ampel vorbeiführt, kennen wir ja bereits. An der Rezeption ist niemand mehr zu finden, auch der Laden ist zu. Ich gehe also in die Bar nebenan und frage dort. Die Frau sagt einen Namen und beschreibt den Wachmann, den wir beim ersten Mal angetroffen haben. Den solle ich suchen. Aber auch in dem kleinen Imbiss nebenan kann ich ihn nicht entdecken So beschließen wir, das Zelt zunächst einfach an einen freien Platz zu stellen. Da die 200 vom letzten Mal frei ist, nehmen wir sie gleich wieder. Daniel hat von einem Internetcafe gelesen und möchte nach Zugverbindungen suchen. In der Imbissstube fragen wir nach dem Internet und werden nach draußen geschickt. Dort steht tatsächlich ein altes Terminal. Die Kosten für eine Minute (Daniel erinnert sich bestimmt an den genauen Preis) sind so hoch, dass wir es sein lassen. Beim Zurücklaufen sehen wir den Wachmann und erklären, dass wir unser Zelt schon aufgebaut haben. Er nimmt uns mit in die Rezeption und ich muss wieder meinen Ausweis abgeben.

(Abendbrot: Reis mit Küchengemüse-Tomatensoße)

Donnerstag, 01.06.2006

Wir stehen um 8 auf und haben bis 9:15 Uhr alles zusammengepackt – eine gute Leistung. An der Rezeption, d.h. im Laden, steht ein neues Gesicht, diesmal eine Frau. Ich bekomme mit, dass sie die meisten Leute englisch anspricht und denke mir, dass das das Erklären ein bißchen einfacher machen wird. Als ich an die Reihe komme, ist die Frau nach zwei bis drei kurzen Sätzen dennoch überfordert und bittet darum, alles einzeln durchzugehen. Obwohl ich ihr gesagt habe, dass wir für die vergangene Nacht bezahlen wollen und abreisen, fragt sie noch mehrmals nach, wann wir angekommen sind und wie lang wir bleiben. Dann bekomme ich endlich meinen Ausweis und kann zum komplizierteren Anliegen übergehen. Es scheint ihre erste Fahrradvermietung zu sein und sie sucht nach der Preisliste. Hinter mir steht ein ganz verzweifeltes Kind. Die gute Frau fragt das Kind auf Englisch, ob es was bestellt hat. Die Kleine schaut entsetzt. Die Frau fragt nochmal auf Französisch. Ich sage auf Deutsch: "Sprichst du vielleicht Deutsch?" Ein zögerndes "Ja" kommt zurück. Ich erkläre, dass man nur wissen möchte, ob sie ein Baguette oder ähnliches bestellt hat und abholen möchte. Sie schüttelt mit dem Kopf. Dann geht es wieder um das geliehene Rad. Nach ein paar Minuten hat die Frau verstanden, dass wir das Rad nicht leihen sondern zurückgeben möchten, noch eine Weile später auch, dass mein eigenes Fahrrad unter der Herberge steht. Ich darf endlich tauschen. Eine schwere Geburt. Die Kleine nach mir möchte ein Baguette kaufen und bekommt gesagt: "If you did not order, I can't give you a baguette." Wieder schaut das Mädchen ganz unglücklich. Ich will ihr gerade übersetzten, da kommt mir ein Mann, der ein Stück weiter hinten in der Reihe steht, zuvor: "Wenn de nich bestellt hast, gibs nix!" Ja, so in etwa könnte man das auch übersetzen.

der TGV-Bahnhof Am Bahnhof holen wir uns erstmal einen Kaffee und ein Sandwich. Ich bin etwas erschrocken über den Preis, aber wir haben ja nicht gefrühstückt. Da ich die Kreditkarte mithabe, bin ich dran mit der Ticketbesorgung. Ich reihe mich in die Schlange ein. Von mehreren Schaltern sind zur zwei besetzt und einer davon wird schon längere Zeit in Beschlag genommen. Da ich entdecke, dass über einem der Schalter "Ich spreche Deutsch" steht, beschließe ich, dorthin zu gehen, auch, wenn der andere früher frei wird. So kann man notfalls auftretende Probleme vielleicht besser klären. Nach etwa einer halben Stunde Wartezeit darf ich mein Anliegen endlich vorbringen und versuche natürlich zunächst, eine Verbindung nach Chemnitz zu bekommen. Nachdem ich der Frau am Schalter Chemnitz buchstabiert habe, teilt diese mir mit, dass das System den Ort nicht kennt. Ich schlage Leipzig oder Dresden vor. Leipzig ist zwar bekannt, aber es werden keine Verbindungen angezeigt. Bei Dresden sieht es schon besser aus, aber als ich hinzufüge, dass wir Fahrräder dabei haben, verdunkelt sich das Gesicht der Dame. Dresden also auch nicht. Ich zähle weiter auf: Berlin, Freiburg – egal, Hauptsache erstmal in Deutschland. Sie sucht und sucht, aber alles scheint ausgebucht zu sein. Irgendwann fragt sie mich, ob Offenburg (einmal umsteigen in Strasbourg) okay wäre. Ich überlege. Daniel hatte ein paar Tage zuvor etwas in der Richtung "solange wir nicht in Strasbourg umsteigen müssen" gesagt. Da muss er nun durch. Ich nicke also. Wir bekommen einen Platz im TGV, der ca. 1 1/2 Stunden später von einem anderen Bahnhof in Avignon abfährt. Da wir nicht sehen, wo der Shuttlebus zum besagte TGV-Bahnhof zu finden ist, entscheiden wir, die Strecke mit dem Rad zu fahren. Ein paar Kreuzungen weiter, warnt mich Daniel vor der Weiterfahrt mit dem kaputten Reifen. An einer Stelle ist der Gummi schon ordentlich abgeschabt. Wir laufen die restliche Strecke zu Fuß und erreichen schließlich rechtzeitig den Bahnhof.


Im Zug nehmen wir das Gepäck diesmal von den Fahrrädern und stellen sie in das dafür vorgesehene Abteil. Der TGV legt ein ordentliches Tempo an den Tag und ich habe, besonders bei den Tunnelfahrten, mit dem Druck im Ohr zu kämpfen. Außer uns sind noch weitere Fahrradfahrer im Abteil, ebenfalls aus Deutschland. Wir hören, wie sie sich über die Landschaft und das Wetter unterhalten. Sie hatten wohl weniger Glück und haben viel Regen abbekommen. Es sieht ganz so aus, als wären wir in unseren zwei Wochen mit der Sonne mitgefahren – kein unangenehmes Gefühl. Ein paar Stunden später sind wir in Strasbourg und brauchen unsere Räder nicht über Treppen zu tragen, da der Zug nach Offenburg gleich nebenan steht. Kurz vor dessen Abfahrt ruft uns das Zugpersonal aus dem TGV zu. Wir haben unsere Radhelme vergessen und man reicht sie uns. Uff! Wir sind baff und dankbar, dass man hier so aufmerksam ist.

Gegen 20:30 Uhr sind wir in Offenburg. Nur die Information ist dort noch besetzt und wir fragen nach einem Zug Richtung Chemnitz. Die nächte Möglichkeit stellt nur der City Night Line nach Leipzig dar, welcher allerdings reserviert werden muss. Er fährt gegen 10. Wir telefonieren mit Zuhause und suchen dann erstmal nach einer Möglichkeit, Abendbrot zu uns zu nehmen, ohne die Räder mit dem Gepäck aus den Augen lassen zu müssen. Im Stadtzentrum (Offenburg kann man getrost als niedlich bezeichnen) finden wir ein hübsches kleines Restaurant, in welchem man für uns draußen die Holztische vom Wasser befreit und Kissen für die Bänke bringt. Wir bestellen einen Kaffee und leckeres Essen. Man glaubt gar nicht, wie toll es ist, nach zwei Wochen Reis Bratkartoffeln und Maultaschen auf dem Teller liegen zu sehen. Während des Essens werden wir immer wieder von vorbeilaufenden Leuten angesprochen, die uns zu den ganz Harten zählen und beteuern, dass sie bei der Kälte nicht draußen sitzen wollen würden. Wir nehmen an, dass wir am nächsten Tag Kleinstadtgespräch sind.

Offenburger Bahnhof Als der City Night Line einfährt, fragen wir das mitfahrende Personal nach freien Plätzen und bekommen ziemlich uncharmant gesagt, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, mitzufahren. Der Angestellte, der noch bis 12 auf dem Bahnhof ist, ist dagegen mehr als freundlich. Er sucht eine weitere Verbindung heraus und geht sogar mit Daniel zum Automaten, um sicher zu gehen, das alles klappt. Eine Stunde später kommt ein weiterer City Night Line. Leider ist dieser ebenfalls ausgebucht, was uns wesentlich netter gesagt wird als beim Vorgänger. Wir müssen nun also bis halb 3 auf einen Anschlusszug warten. Zum Glück gibt es einen kleinen beheizten Warteraum, in dem wir es uns mehr oder weniger bequem machen können. Wir legen die Isomatte über die Stühle und spielen Offiziersskat. Irgendwann stoßen drei Jugendliche zu uns, die auf dem Weg zu "Rock am Ring" sind und auf den gleichen Zug warten wie wir. Die beiden Jungs verziehen sich auf einen Absacker in die Stadt und lassen das Mädchen zurück, mit dem wir uns ein bißchen unterhalten. Zwischenzeitlich stellen wir noch fest, dass die Bahnhofstoiletten um Mitternacht abgeschlossen werden und dass der BGS keine weitere sanitären Anlagen kennt.

Irgendwann kehren die beiden Jugendlichen zurück und widmen sich weiter der Packung Bier, die sie mitgenommen haben. Etwas später setzen sich drei weitere Leute mit in den Warteraum. Sie haben einige Zeit vorher lange die Aufmerksamkeit des BGS auf sich gezogen, sprechen Spanisch, fragen ständig nach Zigaretten und sind uns nicht ganz geheuer. Wir sind froh, dass der Zug, auf den wir warten, mittlerweile einstiegsbereit ist, packen die Isomatte zusammen und wechseln das Gleis. Unter den Jugendlichen bricht in der Zwischenzeit Tumult aus. Die Tickets sind weg und voller Panik rennen die drei auf dem Bahnhof herum. Kurz bevor der Zug losfährt, finden sich die Fahrscheine in der Hosentasche des Besoffensten wieder und alles ist in Ordnung.

Als wir schließlich in Sachsen sind, amüsieren wir uns köstlich über die Zugansagen, ganz besonders die für die englischsprachigen Gäste. Auf der Fahrt von Dresden nach Chemnitz macht uns der "freundliche" Zugbegleiter zudem darauf aufmerksam, dass wir enormes Glück hatten, dass wir einen Platz für die Fahrräder bekommen haben, da diese Strecke für Radausflüge äußerst beliebt ist. Bevor er sich noch über die unsäglichen Bedingungen bei der Deutschen Bahn auslässt, legt er uns wärmstes ans Herz, das nächste Mal für die Fahrräder vorher zu buchen. Wir nicken freundlich mit einem Seitenblick auf die mehr als 10 freien Radplätze. Ja, es ist schön, wieder zuhause zu sein!
In Chemnitz angekommen, nehmen wir für die letzten Meter die Straßenbahn. Wir haben seit 30 Stunden nicht geschlafen und freuen uns auf unser Bett. Das Netz hat schließlich aber erstmal die stärkere Anziehungskraft.

Fazit

Insgesamt sind wir in 10 Tagen 700 km gefahren.
Mit einem halben Jahr Französischunterricht kann man sich recht gut durchmogeln.
Die Einheimischen sind unwahrscheinlich nett.
Dir glaubt keiner, wenn du sagst, du willst ans Mittelmeer.
Es gibt genug Fertigsoßen für mindestens 6 Wochen Reis.
… à suivre …